Die Perlentaucherin

Die_Perlentaucherin.jpgSeit fünfzehnhundert Jahren tauchen Frauen wie die Heldin von Jeff Talarigos bewegendem Roman in Japans Seto-Inlandsee nach Perlen. Es ist eine harte, mühselige Arbeit für die junge Japanerin, aber es ist ihr Lebenstraum. Im Meer fühlt sie sich frei und stark, vergisst ihre Sorgen - auch die rote Stelle am Unterarm, die seltsam schmerzunempfindlich ist. Doch schon bald wird ihr klar, was dieser Fleck bedeutet: Sie hat Lepra. Als sie im August 1948 auf die Insel Nagashima gebracht wird, ist sie 19 Jahre alt; zusammen mit zweitausend anderen Patienten hält man sie dort über fünfzig Jahre lang von der Gesellschaft fern. Ihr Name wird aus dem Familienregister gestrichen, sie erhält die Nummer 2645 und die Anweisung, sich einen neuen Namen zu suchen. Von jetzt an bis zum Ende ihres Lebens wird sie Fräulein Fuji heißen, nach dem Berg, den sie einst mit ihrem Onkel bestieg. Obwohl schon bald ein Heilmittel gegen Lepra gefunden wird und ihre Krankheit nicht weiter voranschreitet, darf sie die Insel nicht verlassen. Doch sie findet ihren Platz in der durch grausamen Zufall zusammengewürfelten Gemeinschaft - darunter eine koreanische Geschichtenerzählerin, ein Schriftsteller, ein Gärtner, ein Urnenmaler, ein Tanka-Dichter - und schöpft innere Ruhe und Kraft aus der Zwiesprache mit dem Meer. In verhaltener, lyrischer Prosa erzählt der in Japan lebende Autor, ausgehend von historischen Fakten, eine erschütternde Geschichte von Krankheit und Ausgestoßensein, von Unterdrückung und Sehnsucht nach Freiheit, von Menschenwürde und Mut.

Meine Gedanken zum Buch: 

Jeff Talarigo erzählt ohne Sentimentalität, in einem kurzen prägnanten Stil, der einen immer wieder an die japanische Poesie erinnert. Die Geschichte von Fräulein Fuji, deren richtigen Namen wir nie erfahren, ist unendlich traurig und berührend. So viele Schicksale, so viele namenlose Urnen. Das Schockierende daran ist vor allem auch die Einstellung der japanischen Gesellschaft zu dieser Krankheit. Fräulein Fujis Schwester kommt einmal zu Besuch, nur um ihr vorzuwerfen, dass sie Schande über die Famile gebracht und ihr Leben zerstört hat. Kein Mitleid, keine Akzeptanz. Und obwohl schon ein Jahr nach ihrer Einweisung ein wirksames Heilmittel gefunden wird, dauert es noch Jahrzehnte, bis die geheilten Patienten die Insel erstmals verlassen dürfen.
 
"Die Perlentaucherin" klang für mich wie der Titel eines Kitschromans, doch schnell war ich eines Besseren belehrt. Ein großartiges Buch mit viel Tiefgang, eine echte "Perle".

"Ich glaube nicht, daß wir hier jemas wegkommen. So lange hat es gedauert, bis jetzt, ehe mir das klar wurde. Ich glaube, wir sind für immer hier."
"Wäre es da drüben denn besser, auf der Hauptinsel oder daheim?"
"Ich sage nicht, daß es leichter wäre. Ich weiß, daß ich nie nach Shodo zurückkehren will. Aber manchmal denke ich, ich könnte auch wonanders überleben. Irgendwo hingehen, wo keiner weiß, wer ich bin. Ich glaube, ich könnte es schaffe. Ich würde gern herausfinden, ob ich es könnte."
"Ich weiß, daß Sie überleben könnten, Fräulein Fuji, Sie sind gesund."
 
Er schaut sie an, und sie sieht gesund aus, denkt er, doch seit sie vor seit mittlerweilen fast vier Jahren angefangen hat, in Klinik B zu arbeiten, ist sie gealtert, ihre Augen haben etwas Schweres an sich; immer noch schön, denkt er, aber eine müde Schönheit. Wie sie geht, nicht so forsch wie früher.
 
"Es gibt Zeiten, da wäre es mir ganz lieb, wenn diese Sache mich total zerstört, dann hätte ich vielleicht das Gefühl, zu Recht hierzusein", sagt sie.

Seitenangabe für Zitat1: 
129

Sie ist zurück in Nagashima, als ob nichts geschehen wäre. Als ob sie nie fortgewesen wäre, sich alles eingebildet hätte, nur eine weitere Probe im Leuchtturm, als ob sie alles geträumt hätte. Aber etwas erinnert sie ständig daran, daß sie tatsächlin in Kyoto war - die feste Überzeugung, daß sie außerhalb der Insel überleben könnte. Sie weiß, daß für ihr Überleben nur eines notwendig wäre: Sie muß allein sein dort draußen. Das weiß sie, und dieses Wissen trägt sie für die nächsten anderthalb Jahrzehnte in sich.

Seitenangabe für Zitat2: 
179
Verlag: 
Luchterhand Literaturverlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3630872193

Kommentare

Ich kann Germana nur zustimmen, bin zwar erst auf Seite 47, aber diese Buch ist wirklich eine Perle, inhaltlich sowie auch sprachlich.
Seite 50: "Erneut kracht Stille in den Raum, die elektrischen Ventilatoren wirbeln sie auf, streuen sie in jeden Winkel."
Seite 51:"Von den Felsen am Fuß der Klippe starrt sie auf die blutende Wunde des mogendlichen Horizonts. Die Flut weicht zurück und hinterlässt nur kleine Pfützen in den Spalten zwischen den Steinen, auf denen sie sitzt."

Sie hat gelernt, Herrn Shirayama nicht nach den Tagen vor seiner Ankunft zu fragen, denn obwohl er offen über jede Einzelheit in seinen Jahren hier spricht, ist er zurückhaltend, verschlossen, was seine Tage vor Nagashima betrifft. Als hätte er Wasser auf den Salzhügel seiner Erinnerungen geträufelt, damit er sich Körnchen für Körnchen auflöst.

Habe gestern Abend dieses Buch beendet und kann nur sagen, es war jede Zeile wert, gelesen zu werden!!!
Der Autor schreibt nicht sentimental, aber dafür sehr gefühlvoll, wie ich finde. Man lernt Fräulein Fuji kennen - eine junge Frau, Perlentaucherin aus Leidenschaft, die es liebt, das Meer/Wasser um sich zu haben und man muss sie einfach auf ihrem Lebensweg begleiten.
Was sie dann allerdings durch den Ausbruch ihrer Krankheit erfahren muss, war für mich sehr bedrückend und teils wirklich unfassbar. Abschnitt Artefakt Nr. 0151 zB.: Unterredung des Gesundheitsministers mit den 13 Leitern der Leprosorien. Man hatte ein Medikament gegen Lebra gefunden, viele Patienten hätten entlassen und in die Gesellschaft wieder eingliederen werden können, aber das war nicht erwünscht. "Wir können die Bürger unserer Nation diesen Leuten nicht aussetzten" war die Antwort darauf.
Diese Kranken mussten in absoluter Isolation unter furchtbaren Bedingungen leben, sie wurden von ihren Familien verstoßen. Kein Mitgefühl, keine Wärme - nur Verachtung, als hätten sie sich mit Absicht angesteckt.
Fr. Fuji hat sich in all den Jahren auf Nagashima zu einer sehr starken Frau entwickelt, trotz allem was sie erleben und durchmachen musste (ich denke da zB an ihre Strafversetzung in die Abtreibungsstation). Der Verlauf ihres Lebensweges hat mich oft traurig gestimmt, der Schluss war für mich dann allerdings endlich wieder ein bisschen beruhigend (will nichts verraten!!).