Die Liebesblödigkeit

die_leibesbl__digkeit_0.jpgWenn man versucht, die Liebe zu begreifen, dann wird das böse enden. Wilhelm Genazinos neuer Roman erzählt von einem Mann, der mit zwei Frauen leben kann, aber mit einer nicht. Und der trotzdem versucht, eine von beiden zu verlassen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Genazino ist ein Sprachkünstler mit einfachsten Mitteln. Er arbeitet mit dem eigenen Erstaunen. Jeder Buchstabe ist Jetztzeit und in der Unwissenheit des nächsten Moments direkt zu erleben. Nie weiß er in dem Moment mehr als der Leser selbst. Sehr humorvoll mit menschlicher Pointen. Ich genieße jedes Wort von Genazino. Auf die Gefahr hin: Genazino ist kein Langweiler.
13.3.008: Jetzt beim 2. Mal lesen noch mehr Glücksmomente.

Die Dialektik des Deliriums geht so: kaum einer tut etwas, kaum einer erreicht etwas, kaum einer verdient etwas, und trotzdem geht alles immerzu weiter.

Seitenangabe für Zitat1: 
50

Die aus offenen Autofenstern herausdröhnende Popmusik macht mir schlechte Laune, aber ich halte durch.
...
Ich warte draußen und ergehe mich in Edelreflexionen.

Seitenangabe für Zitat2: 
101108

Ein leichtangetrunkener Mann mittleren Alters kommt auf mich zu. Hallo, wie geht's! ruft er aus und gibt mir die Hand. Ich erinnere mich nicht an den Mann, ich kenne ihn nicht. Von Steffan, sagt der Mann, hast du Steffan auch vergessen? Ich kenne keinen Stefan, es ist mir peinlich. Der Mann läßt mich stehen, er überquert die Straße, ich schaue ihm nach, vielleicht erinnert mich sein Gang an irgend etwas. Dann sehe ich , daß er auf einen anderen Fremden zugeht, ihn anspricht und ihm ebenfalls die Hand reicht. Auch der neue Fremde zuckt mit den Schultern, auch er weiß von nichts. Mein Gott, er ist verrückt, nicht ich, denke ich unangemessen erleichtert.

Seitenangabe für Zitat3: 
130
Verlag: 
Hanser
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
3-446-205950

Kommentare

Mein 2. Treffen mit Genazino und ich kann gleich vorwegnehmen, dass es nicht das letzte bleiben wird.
Interessant fand ich, dass sich die Dreiecksgeschichte, die Liebe eines Mannes zu zwei Frauen, überhaupt nicht darum dreht, wie er die beiden voneinander fernhält sowie die dabei entstehenden Verwicklungen. Das wäre der klassische Ansatz. Hier geht aber es darum, sich für eine Frau zu entscheiden, weil sich der Mann zwei Frauen nicht mehr gewachsen fühlt. Es dreht sich um die Frage, welche Frau verlassen werden soll.
Toll auch diesmal wieder die Beobachtung und Beschreibung der Umgebung. Fein die einzelnen Charaktere vom hauptberuflichen Apokalyptiker über den Postfeind, den Panikberater hin zur Staubexpertin.

illustrierte kurze Betrachtungen oder Vermutungen
 
Freue mich, dass du sichtlich ein neuer Genazino-Fan bist!
Ich habe ihn schon live gesehen (er war ja 2008 in Graz). Sehr souverän und humorvoll.
schreibt Reinhard XING

ist nur leider nicht zu bekommen (vergriffen?). Auch die mir zugänglichen Büchereien haben keine Exemplare. Schade.

Welch zauberhaft, traurige aber beruhigende Sätze er doch schreibt.
Ein Leseerlebnis.
 
"Es ist das Unglück der Menschen, daß sie ihre Probleme für lösbar halten." (Wilhelm Genazino,  S 20)
schreibt Reinhard XING

"Tagesgähner vermischen sich mit Abendgähnern."  S 156
"Es ist mir klar, was mit mir los ist, nur hilft mir die Klarheit nicht." S 158
"Wie wohltuend es ist, von einem selten gewordenen Wort in einen kurzen Stillstand versetzt zu werden! S 166
"Ich betrachte die wild tanzende Bettina. Sie hüpft und springt über die Einsamkeitsklippen." S 171
"Wenn ich zur falschen Zeit angeschaut werde, möchte ich sofort Indianer werden oder wenigstens meinen Namen verlieren." S 173
"Weil ich bereits liege, kann niemand sehen, wie ich langsam umsinke." S 180
"Ich glaube kaum etwas von dem, was er sagt, ich halte ihn (wie mich) für eine dieser zweifelhaften Existenzen, die bom Reden leben können." S 181
 
 
 
schreibt Reinhard XING

Sie fürchtete, nicht mehr begehrenswert zu sein. Aus diesem Grund ist sie fast immer beischlafwillig....

Eine Minute später bin ich draußen. Es ist wunderbares Frühsommerwetter. Ein makelloses Licht sitzt  auf jedem Kindergesicht und in jeder Baumkrone.

"Genazino`s komischster Roman" steht auf dem Klappentext... und das stimmt, nur ist Humor nicht gleich Humor.... und jeder der schon einmal Genazino gelesen hat weiß, was ich damit meine.
 
Wortgewaltig mit unzähligen tollen Sätzen (Schlusssatz Seite 203: Mir gefällt meine wirre Schweigelust und das Herumstehen in der öffentlichen Blanglosigkeit).... wer diesen Autor mag, wird auch von diesem Roman begeistert sein.
Obwohl dieser Roman für Genazio`s Verhältnisse recht flott geschrieben ist, klingt die gewohnte Melancholie doch bei jederm Satz immer ein wenig mit.
Der "Held" der Geschichte, ein um die 50 Jahre alter Mann, findet sich wieder in einer Dreiecksbeziehung, die ihm mehr und  mehr Problemchen zu machen scheint.... na ja, es ist nicht unbedingt die Liebe zu 2 Frauen, die ihn straucheln lässt, sondern viel mehr das fortschreitende Alter und die kleinen Wehwechen, die es mit sich bringt......soll man als Leser schmunzel????....  oft erwische ich mich selbst dabei, wie mir ein Lächeln über´s Gesicht huscht, im nächsten Moment habe ich aber auch schon wieder Mitleid.... es ist ein hin und her.... bis zum Schluss....
 
Das macht aber auch das Lesen dieses Roman`s so abwechslungsreich und die geweckte Neugier bleibt bis zum Ende... was wird er tun.... wird er sich von einer der beiden Damen trennen, wird er sich dem Alter ergeben..... oder zieht er gar in den Kieg.... sagt dem Älter werden den Kampf an.....