Die Leiden des jungen Werther

Werther zerbricht an der Unfähigkeit, seine Liebe zu Lotten zu gestehen. Aus Respekt gegenüber ihrer bestehenden Verlobung beherrscht Werther seine Gefühle bis er von ihnen beherrscht wird und den Freitod wählt um wenigstens im Jenseits Lotte lieben zu können und ihr ohne Hemmungen nahe zu sein.

Meine Gedanken zum Buch: 

Auf der Fahrt begann ich den Werther zu lesen
Jede Seite scheint mir aus der Seele geschnitten,
Jedes Wort von meinem Herzen gelitten,
als ob ich es gewesen!

Albert ist angekommen und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so wär's unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheiten zu sehen.

Verlag: 
Reclam
Auflage: 
"durchgesehene Auflage 2001"
ISBN: 
978-3-15-000067-0

Kommentare

welch hübsches Wort ich darin fand
es sollte (in den goldenen Zeiten des Handyverbots) wieder in den täglichen Sprachgebrauch Einzug halten dürfen
 
Radotage [−ˈtaːʒə, französisch] die, leeres Geschwätz
schreibt Reinhard

ein Leidensweg; ein langer Leidensweg; kurz vor dem Ende noch gespickt mit den Gesängen Ossians (ob Werther die wirklich singt?) aber da muss man als Leser durch um das lang erwartete Ende zu erreichen. Wunderbare Sprache, jedoch etwas zu lang geraten.
noch ein Zitat:
Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift ihre Glieder.
S 123
schreibt Reinhard

Die Gesänge des Ossian waren zu Goethes Zeiten moderne Literatur, verfasst von James MacPherson, und wohl soetwas wie ein Bestseller. Zitate daraus zu verwenden, Werther seiner Lotte daraus vorlesen zu lassen, waren sicher ein genialer Schachzug des genialen Geschäftsmannes Goethe und gleichzeitig eine Möglichkeit, die Spannung und Tragik der eigentlichen Werther - Handlung an dieser Stelle fast ins unerträgliche zu steigern. Ist doch in diesem Abschnitt eine ähnlich tragisches Schicksal beschrieben, und ich meine, erst dadurch wird Werther seiner Ausweglosigkeit bewusst und fasst den Entschluss, von diesem Leben nichts weiteres mehr erwarten zu wollen.
Dem heutigen Leser mag diese Stelle mühsam erscheinen, das ist richtig. Aber was hätte Werthe bei Lotte angesichts des engen gesellschaftlichen Korsetts der damaligen Zeit anderes machen sollen, um ungebührlich lange bei ihr verweilen zu können? Hätte Werther Lotte diesen einzigen Kuss abverlangen können, ohne ihr vorher diesen seelisch aufwühlenden Text zu lesen? Durch Ossian erst rasten beide Seelen kurzzeitig völlig aus und finden sich für Momente in einer anderen Welt, die den Höhepunkt der Handlung erst möglich macht!

für diese aufschlussreichen Diskurs. Ich hab das Werk vor gut 30 Jahren gelesen, es hat mich damals sehr berührt, aber ich muss zugeben, dass mich diese Verse als Teenager eher angeödet haben.
Wenn ich das hier so lese, bekomme ich gleich Lust, den Werther wieder mal zur Hand zu nehmen!

Wird Lotte des weiteren glücklich mit ihrem an die Seite gestellten (aber doch nicht ganz unsympatischen) Partner weiterleben können?
Zwingt der Selbstmord Werthers die Hinterbliebenen in eine bestimmte Richtung?
Wie könnte diese Geschichte weitergehen?
 
schreibt Reinhard

Die Fortführung des Romans, zumindest in Gedanken, zu spinnen ist ein durchaus interessantes Experiment. Nun - welche Möglichkeiten stehen uns denn zur Verfügung? Im Sinne des Autors müsste sich der Roman in eine der  klassischen Formen einfügen:
Da wäre die klassische Komödie: Ist sie als Fortsetzung möglich, obwohl die scheinbare Hauptperson zu Tode kommt? Ich behaupte, ja, die Möglichkeit besteht durchaus. Die klassische Komödie ist nicht notwendig lustig. Der gute, versöhnliche Ausgang steht im Mittelpunkt und den können wir uns trotz der Verzweiflung rund um Werther konstruieren. Lotte und Albert haben endlich Ruhe, Lotte muss nicht mehr wiederholt die Avancen Werthers abweisen, Albert kann ohne Eifersucht und ständigem Bangen seine Reisen antreten. Das Paar wird glücklich, lebt bis in hohe Alter eine vorbildhafte Ehe, und von Werther bleibt eine Farce aus ihren Jugendjahren zurück. Als wichtigste Personen des Stücks stellen sich Albert und Lotte heraus und insgesamt wird das Werk eine Hymne auf unerschütterliche Tugend und Anständigkeit im Sinne des späten 18. Jahrunderts.
Als zweite Option müssen wir der klassischen Tragödie folgen: Tragödie bedeutet Tod, und wie uns Shakespear eindrucksvoll zeigt, beispielsweise im Hamlet, gibt es kaum einen Handlungsspielraum für die ernstgemeinte Tragödie nach dem Tod des Protagonisten. Tod folgt Tod folgt Tod, bis schlussendlich einzig die moralische Instanz der handelnden Personen alleine zurückbleiben kann. So wie Hamlets Horatio, könnte Wilhelm, Adressat Werthers Briefe und erhobener Zeigefinger in manchen brieflichen Antworten, die Handlung nach Werthers Tod weiterführend zu Papier gebracht haben, aus Gründen der Liebe zu Werther und Achtung vor Werthers unumstößlicher Konsequenz.
Lotte erfährt vom Selbstmord Werthers, wird sich ihrer jahrelang unterdrückten Gefühle bewußt, ist für Albert nicht mehr erreichbar, ja, spricht sogar von Trennung. Albert, ohnehin eifersüchtig auf Werther, sieht sich mit einer in seiner Gefühlswelt nicht vorhergesehen Situation konfrontiert. Er versucht Lotte in einem letzten Gespräch zu überzeugen, dass Werther zu vergessen sei, dass man darüber hinwegkommen könne, doch Lotte ist zu tief getroffen vom dem ihr gewidmeten Tod Werthers, sodass sie Albert ob ihrer tiefen seelischen Zerrüttung nicht mehr am Herzen rühren kann und sie ihm ihren Entschluss in Kloster zu gehen offenbart. Tief getroffen stürzt sich Albert auf sie um sie festzuhalten, sie fallen, Lotte trifft mit dem Kopf auf die durch die Händel bereits am Boden liegende Schatulle mit Werthers Briefen und bricht sich das Genick. Starr vor Entsetzen hält sie Albert, schreit ihren Namen in die Nacht, Lotte!, Charlotte!, lässt sie endlich liegen um an der frischen Luft Linderung zu finden. Gefasst kehrt er zurück, legt sich neben seine Lotte und erschiesst sich genauso wie Werther. Und so muss die unselige Dreierbeziehung im Jenseits ewig weiter gehen...
 
 
 

nun müssten wir deine Grobvorlage noch in richtiges geschliffenes Tragödien-Goethe-(oder auch nicht)-Deutsch bringen. Lasst uns doch die Geschichte weiterspinnen!
schreibt Reinhard

Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte dafür, daß der, der nötig zu haben glaubt, vom sogenannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.

Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, daß ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.

Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den ihrigen berührt, wenn unsere Füße sich unter dem Tisch begegnen! Ich ziehe zurück wie vorm Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts- mir wirds so schwindling vor allen Sinnen - O! Und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie sehr mich die keinen Vertraulichkeiten peinigen.

Ich werde sie sehen! ruf ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere und mit aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke; ich werde sie sehen! Und da habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich in dieser Aussicht.

Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wen ich nicht ein Tor wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eines Menschen Seeel zu ergötzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiß ists, daß unser Herz allein sein Glück macht. - Ein Glied der liebenswürdigen Familei zu sein, von dem Alten geleibt zu werden wie ien Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten! - dann der ehrliche Albert, der durch keine launsiche Unart mein Glück stört; de rmich herzlicher Freundschaft umfaßt; dem ich nach Lotten das Liebste auf der Welt bin - Wilhelm, es ist eine Freude, uns zu hören, wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten: es ist in der Welt nicht Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen.

Ich küsse diese Schleife tausendmal, und mit jedem Atemzug schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage überfüllten.

Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nicht anders kenne, noch weiß, noch habe als sie!

 Lesestatus: ..... gestern wieder ein bisschen drin gelesen und nach wie vor begeistert. Die Brieffrom war anfangs zwar ein bisschen ungewöhnlich, mittlerweile finde ich aber, dass Goethe damit einen sehr geschickten Schachzug gewählt hat. In den Briefen ist es Werther möglich, viel direkter und ehrlicher zu sein. In dem er sich seine Gefühle von der Seele schreibt (und niemanden von angesicht zu angesicht gegenüber sitzt), kann er sich viel ungehemmter ausdrücken.... sich zu vielem eher hinreissen lassen. So manchem Leser mag die Sprache Goethe`s zu üppig und auslandend sein... zu übertrieben und auch zu kitschig.... aber für die damalige Zeit war sie es sicher nicht und ich finde es einfach wunderbar, so etwas zu lesen. Es hat etwas ganz Besonderes.... noch dazu aus der Feder eines Mannes!!!!
 
... und ich könnt hier eweig weiterzitieren ;o)
Zitat S. 116: Ich habe so viel, und die Empfindung an ihr verschlingt alles; ich habe so viel, und ohne sie wird miralles zu nichts.

... auch wenn der Ausgang dieses Werkes bekannt ist.... man fiebert trotzdem mit.... Zitat S. 139: Ich bin nirgend wohl und überall wohl. Ich wünsche nichts, ich verlange nichts. Mir wäre besser, ich ginge.....ja, spätestens hier ist klar, es geht zu Ende. Und dann noch die Auszüge aus Werther`s Briefen an Lotte.... voll mit Leidenschaft aber auch mit Schmerz. Eine beklemmende Situation für alle Beteiligten, kein Ausweg in Sicht.... und Werther setzt allem ein Ende... Auf dem Eindband des Buches ist zu lesen: "Bis heute ist Goethes Werher der schönste Liebesroman der deutschen Literatur"... ja, so ist es... dem ist nicht`s hinzuzufügen. Ein Buch, das nichts vermissen lässt (einzig die Gesänge Ossians waren mir ein bisschen seltsam.....) und noch lange nachklingt. Viel mir gestern fast schwer, es aus der Hand zu legen.... und viele Gedanken und Fragen, dich auch bleiben.... hier kam auch schon mal die Frage auf, wie diese Geschichte wohl weiter gehen könnte bzw. wie sie hätte anders verlaufen können.... Ich frage mich: Wie hatt Lotte wohl ihr weiters Leben bestritten, hat sie je dorthin zurückfinden können? Und was, wenn es Albert nicht gegeben hätte???? Wie hätte sich die Begegnung zwischen ihr und Werther weiterentwickelt???? Hätte Werther sich dann auch so sehr in sie verliebt??? Oft ist es ja so, dass man genau das begehrt, was unerreichbar scheint....

danke für den Hinweis, Reinhard.... steht schon ganz oben auf meiner Liste.... einmal im Goethe Fieber, wird man`s auch so schnell nicht wieder los.... ;o)