Die Illusion der Weisheit

Die_Illusion_der_Weisheit.jpgEin Polizist wartet nachts am Flughafen auf den Anschlussflug. Eine junge Frau sitzt ihm gegenüber, die beiden kommen ins Gespräch. Tage später liest er über sie in der Presse: Sie hat den gewalttätigen Mann ihrer Zwillingsschwester getötet. Wie aus dieser zufälligen Begegnung entstehen auch die anderen Geschichten in diesem Erzählband. Sie haben gelegentlich einen mysteriösen Charakter, handeln von Tod und Elend, aber auch von menschlicher Zuwendung und Liebe. Immer aber führen sie zu den tiefsten Abgründen unserer Gefühle.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ich lese ja eigentlich keine Kurzgeschichten, aber für Carofiglio, wie auch meine anderen Lieblingsautoren, mache ich mittlwerweile auch Ausnahmen, wenn mir die Wartezeit bis zum nächsten Roman zu lang wird.
Und in diesem Fall hat es sich wirklich gelohnt. Jede Geschichte eine Perle, ich hab mich kein einziges Mal dabei erwischt, nachzuschauen, wie lang sie noch ist, das mach ich nämlich sonst immer.
Wie auch schon in der Serie rund um den Anwalt Guido Guierrieri stehen in diesen Geschichten immer die Menschen im Vordergrund. Er beschreibt Momente eines kurzen Aufeinandertreffens genauso intensiv wie eine Kindheitserinnerung oder das Verschwinden eines kleinen Mädchens. Spannend, berührend, wunderbar geschrieben. Aufgrund seiner Vergangenheit als Ermittler gegen die Mafia auch durchaus glaubhaft. Und natürlich als Bonus immer noch seine Süditalienische Heimat, die  in so gut wie jeder Erzählung eine eigene Rolle erhält. Und damit es nicht allzu ernsthaft wird, gibt's gleich am Anfang ein Interview mit einer Comic-Figur, das einfach nur zum Zerkugeln ist.
 

I:
Ihre ersten Abenteuer tragen sich Ende der Vierzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts zu. Eines - indem zum ersten Mal Ihr ärgster Feind Mefisto auftaucht - spielt sich während des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko im Jahre '46 ab, da scheinen Sie bereits um die dreißig zu sein.
 
W:
Und was ist das Problem?
 
I:
Das Problem ist, dass Sie rund siebzig Nummern später praktisch unverändert Buffalo Bill gegenüberstehen, der zur Zeit des Mexikokrieges noch garnicht geboren war. Ihr seht aus wie Altersgenossen.
 
W.
Tja, das Leben an der frischen Luft...

Seitenangabe für Zitat1: 
42

An einigen, von undurchdringlicher Stille und herben Düften angefüllten Sommertagen durchschießt einen an bestimmten Stellen der Murgia der irrwitzig einleuchtende Gedanke, man könnte sich hier verlieren. Nicht zur physisch, auch wenn das in dieser ewig gleichen Landschaft, die sich nach jedem Hügel auftut, durchaus möglich wäre. Man erahnt das Geheimnis dieses Ortes, aber es entgleitet einem immer wieder, und man könnte darüber den Verstand verlieren, das Gefühl für die Dinge und ihre Zusammenhänge.

Seitenangabe für Zitat2: 
117

ALTER MANN (nach einer langen Pause): Es gibt unterschliedliche Arten von Gewalt, genau wie es natürlich unterschiedliche Arten von Polizisten gibt. Lassen Sie uns eines klarstellen: Es gibt keinen Polizisten - ich rede von Bullen, nicht von Aktenabstaubern und Archivwürmern -, der nicht ausgeteilt hätte. Meine Wenigkeit inbegriffen. Wenn man einen Dealer schnappt, dem man seit Ewigkeiten auf den Fersen ist, und der versucht auch noch sich zu wehren, ist doch völlig klar, dass der was kassiert. Es ist unvermeidbar, und der rechnet auch damit.
Prügel aus der Kalten, die in der Kaserne oder auf dem Präsidium ausgeteilt werden, auch wenn sie nicht sadistisch motiviert sind (denn das gibt es natürlich auch), sind etwas anderes. Auch wenn man alle ethischen - und natürlich juristischen - Bedenken beiseitelässt: Bei einem mit Prügeln oder ähnlichen Methoden herbeigeführten Geständnis ist die Glaubwürdigkeit nicht gewährleistet.
JUNGER MANN: Wollen Sie damit sagen, wer unter solchen Bedingungen gesteht, nimmt sein Geständnis leichter wieder zurück?
 
ALTER MANN: Ich will damit sagen, dass vollkommen unschuldige Menschen unter Prüglen oder anderen Formen von Nötigung Dinge gestehen, die sie nicht getan haben.

Seitenangabe für Zitat3: 
153
Verlag: 
Goldmann Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3442477623