Die Gabe des Commissario Ricciardi

Commissario Ricciardi ist ein Ermittler mit einer besonderen Fähigkeit. Der intelligente, melancholische Einzelgänger aus reichem Elternhaus besitzt eine Gabe, die sein Schicksal bestimmt: Er hört die letzten Gedanken von Ermordeten, sieht sie gefangen im Augenblick ihres Todes. »Mütze und Handschuhe« – das sind die letzten Worte der Frau, die zusammen mit ihrem Ehemann in ihrem Haus ermordet aufgefunden wird. Als Commissario Ricciardi erfährt, dass der tote Ehemann ein Funktionär der faschistischen Miliz und eiskalter Karrierist war, vermutet er einen Racheakt. Die vermeintlichen Täter sind schnell gefunden, doch nicht alles ist so klar, wie es scheint … Mehr anzeigen Weniger anzeigen

Meine Gedanken zum Buch: 

Diese Krimiserie gehört für mich zu den besten, die ich kenne. Commissario Ricciardi ermittelt im Neapel der 1930er-Jahre und manövriert sich geschickt durch das immer dichter werdende Netz der Nationalsozialisten. Gemeinsam mit Brigadiere Maione ermittelt er mit viel Gefühl, diesmal unter den Ärmsten der Armen, und das noch dazu in de Weihnachtszeit. Der sensible melancholische junge Mann wächst einem mit jedem Buch weiter ans Herz. Am liebsten möchte man ihn fest drücken und ihn gleichzeitig anschreien, dass er doch endlich einen Schritt unternehmen soll, um seine angebetete Enrica nicht zu verlieren. Wobei diese sich eh nicht unterkriegen lässt und zuguterletzt sogar ziemlich handgreiflich wird... Es handelt sich bei diesem Buch um den vierten Teil der Serie, die bis jetzt immer eine Jahreszeit im Titel führte. Jetzt sind dem Autor wohl noch mehr gute Geschichten eingefallen, und die Reihe wird mehr als nur vier Teile haben, was sehr zu hoffen ist. In einem Kontrast aus sachlicher und poetischer Sprache schildert de Govanni seine Personen und ihre Umgebung, dabei schafft er zum Greifen dichte Atmosphäre, der man sich als Leser nur schwer entziehen kann. Wenn man es denn überhautp möchte...

Ich leibe Sie, Enrica. Wenn Liebe bedeutet, für den geliebten Menschen das Beste zu wollen, wie kann ich Ihnen dann meine Last aufbürden? Wie könnte ich Ihnen auferlegen, Ihr Leben mit jemandem zu teilen, der zwischen Toten spaziert? Sie müssen dieses Elend nicht sehen, Sie können glücklich sein und lächeln an einem Ort, an dem ich, nur ein paar Schritte weiter, heulende Leute sehe - möchten Sie dazu verdammt sein, einen Mann wie mich an Ihrer Seite zu haben?

Seitenangabe für Zitat1: 
49

Weihnachten ist warm.
Aus den Fenstern der Häuser in der Via Toledo und in Chiaia dringt Kerzenlicht und Gelächter. Schaut man hinein, erkennt man fröhliche Gesichter und von Sekt und Wein gerötete Wangen, auch wenn es noch ein paar Tage sind bis Heiligabend. Es herrscht freudige Erwartung, alle sind gespannt. Es wird ein Fest geben, das alle glücklich machen wird.
Weihnachten ist kalt.
Der Wind heult durch die Straßen der neuen Viertel, wo die Leute in den Baracken eng zusammenrücken, um Schutz und Wärme zu finden. Wenn man genau horcht, hört man ein Kind weinen, doch Kälte und Hunger lassen die Klage immer schwächer werden. Es ist nicht sicher, wer von ihnen den Winter überstehen und im Januar noch leben wird.

Seitenangabe für Zitat2: 
173

Die alte Enrica wäre verzeweifelt gewesen und vielleicht hätte sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, um wortlos zu schluchzen. Doch die alte Enrica gab es nicht mehr.
Die neue Enrica verengte die Augen zu Schlitzen, spannte den Kiefer an und lächelte wie eine Katze. Sie murmelte: Na gut. Wir werden ja sehen.
Und dann ging sie ins Bett.

Seitenangabe für Zitat3: 
278
Verlag: 
Insel Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
978-3458358695