Die Eismalerin

Die_Eismalerin.jpgDie Witwe Steinunn Olafsdóttir zieht mit ihren sechs Kindern in die kleine Stadt Akureyri im Norden Islands, damit sie dort die Schule besuchen können - auch die Mädchen. Hart sind die Zeiten um 1900, unberechenbar auch die Naturgewalten. Hart ist auch die Arbeit in der Fischfabrik, wo die Frauen wochenlang im Akkord den gefangenen Hering - das Silber des Meeres - einsalzen müssen. Dennoch entdeckt Karitas, die jüngste Tochter, ihr künstlerisches Talent. Ihr größter Wunsch ist es, Malerin zu werden. Doch dann lernt sie den großen, gutaussehenden, grünäugigen Sigmar kennen und lieben, und sie steht vor der folgenschwersten Entscheidung ihres Lebens.

Meine Gedanken zum Buch: 

Baldursdóttir erzählt eine Geschichte der Emanzipation, die 1915 damit beginnt, dass eine Mutter mit sechs Kindern beschließt, jedem eine Schulbildung zukommen zu lassen, auch den drei Mädchen. Und jedes dieser Mädchen entwickelt sich zu einer selbständigen Frau, allen voran Braghildur, die dabei allerdings die traditionelle Rolle der Ehefrau einnimmt und von der modernen Einstellung ihrer Schwester Karitas nicht viel hält.
Diese ist die wahre Heldin des Romans, kreativ und begabt mit einer unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, um die sie viele Jahres ihres Lebens bitter kämpfen muss. Als Ehefrau eines Fischers wird sie in ein ländliches Gefängnis verbannt, in dem weder ihre Persönlichkeit noch ihre Kunst wirklich Anklang finden. Viele dramatische und traurige Momente muss sie erleben, doch ihr Ziel ist immer das gleiche. Endlich einer verständigen Welt ihre Kunst zu präsentieren und als Künstlerin Anerkennung zu finden, abseits der Rolle als Ehefrau und Mutter.
Faszinierend an der Geschichte ist auch die detaillierte Beschreibung von Island, seinen skurrilen Landschaften und der Bevölkerung, dem bäuerlichen Leben und dem fest in der Kultur verankerten Glauben an Elfen und Trolle.
Die Autorin bedient sich einer fast schon trockenen, oft distanziert klingenden Sprache, die die rührenden und traurigen Szenen nie ins Kitschige abgleiten lässt. Ein wunderschönes Buch über eine Frau, ein Volk und das Frausein zu einer Zeit, wo die Rollen noch klar verteilt waren.

"Wenn du zeichnest, hältst du dich so, als würdest du Cello spielen."
Karitas verlor den Faden und wurde unsicher, nicht weil sie beim zeichnen anders saß, als sie sitzen sollte, sondern weil sie nie wirklich gesehen hatte, wie jemand Cello spielt, und genauso wenig hatte sie ein Bild von einer solchen Person oder von diesem Instrument gesehen.

Seitenangabe für Zitat1: 
147

Mit all diesen Bergen um sich herum fühlte sie sich wie eine Gefangene. Aber schließlich war sie ja auch eine Gefangene, eine Gefangene ihres eigenen Körpers. Mit diesem Etwas da in ihrem Bauch  waren ihr ja sämtliche Hände gebunden. Wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte sie jetzt in Reykjavík sein sollen, in ihrem Atelier, genau wie andere Künstler, die sich fünf Jahre ihres Lebens mit einem langen und schweren Studium herumgeschlagen hatten.

Seitenangabe für Zitat2: 
328
Verlag: 
Fischer (Tb.)
Auflage: 
2. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3596511099