Der vertauschte Sohn

Der_vertauschte_Sohn.jpgCamilleris Sizilien ist auch die Heimat eines der bedeutendsten italienischen Autoren des 20 Jahrhunderts: Luigi Pirandello, der Erneuerer des Theaters und große Erzähler, war - wie Camilleri - in Porto Empedocle zu Hause. Kunstvoll ineinandergefügt erzählt Camilleri von Pirandellos und seiner eigenen Kindheit und Jugend zwischen Agrigent und Porto Empedocle. Eine sizilianische Welt öffnet sich vor den Augen des Lesers, mit ihren Absonderlichkeiten und Geheimnissen. Nur ein Sizilianer vom Schlage Camilleris kann so erzählen: komisch, detailreich, in prallen kleinen Szenen, manchmal märchenhaft, dann wieder von derber Realistik. Ein weiterer unterhaltsamer Camilleri-Roman für seine verzauberten und begeisterten Leser

Meine Gedanken zum Buch: 

Luigi Pirandello ist wohl einer der bekanntesten Schriftsteller, die der Süden Italiens je hervorgebracht hat, und ich muss zu meiner großen Schande gestehen, dass ich ausser einem oder zwei Theaterstücken noch nichts von ihm gelesen habe. Das werde ich nach dem Lesen dieser herrlichen Biografie sofort ändern.
Camilleri beschreibt einmal mehr Sizilien, seine geliebte Heimat. Bezeichnenderweise ist die Hochzeit seiner Eltern am selben Dokument vermerkt wie die Pirandellos, und Camilleri war es auch, der etliche vergessene Dramen des Autors wieder auf die Bühne gebracht hat.
Auf seine übliche Art, also mit einem Augenzwinkern aber auch der nötigen Sensibilität, beschreibt Camilleri das Leben eines Menschen, der bis kurz vor seinem Tode die Geister seiner Kindheit nicht loswerden konnte, und dessen Schicksal sich in dem seiner Kinder fast unverändert fortsetzt. Luigis Talent für das Schreiben wird bald erkannt, dennoch gelingt es ihm nur mit großer Mühe, sich auch finanziell aus den Klauen des übermächtigen Vaters zu befreien. Dazu kommt die schwere psychische Krankheit seiner Frau, die ihn einerseits über sich hinauswachsen lässt, ihm andererseits auch viel Stoff für seine Literatur bietet.
Fast jedes Werk Pirandellos enthält autobiografische Elemente, und somit freue ich mich darauf, mich in der nächsten Zeit - so lange die Erinnerungen an diese Biografie noch frisch sind - auf eines davon zu stürzen.
 

Eine Konstante der sizilianischen Freundschaft ist die Pflicht, die einem im Erahnen dessen obliegt, wie der andere sich unter bestimmten Voraussetzungen verhalten wird, ohne daß darüber vorher eine Absprache stattgefunden hätte: Kopf und Herz des einen müssen in perfektem Einklang mit dem Kopf und Herzen des anderen handeln, die Geichzeitigkeit muß absolut sein, die geringste Auslassung, der geringste Vorgriff, die geringste Verzögerung kann einen Riß hervorrufen, der im Lauf der Zeit unweigerlich zu einem unüberbrückbaren Abgrund wird.
Zudem: die gegenseitige Hingabe kann keinerlei Zurückhaltung oder Schattenbereiche oder Geheimfächer zulassen; wenn es sie gibt, beschränken sie die Fülle der Hingabe und machen gleichzeitig das Mißverständnis deutlich, das dieser fälschlich als Freundschaft bezeichneten Beziehung zugrunde liegt.
Kurz, die sizilianische Freundschaft ist eine schwierige Kunst, und vielleicht sollte man ihr einen anderen Begriff geben, Wahlbrüderlichkeit oder Wahlverwandtschaft. Zwischen zwei sizilianischen Freunden entsteht so etwas wie ein Zauberkries, der die aderen, die Ereignisse der Welt und auch die Geschichte außen vorlässt.

Seitenangabe für Zitat1: 
97
Verlag: 
Fischer (Tb.)
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3596157204