Der bunte Schleier

Kitty Garstin, schöner, langsam verblassender Stern am Londoner Gesellschaftshimmel, heiratet in Torschlußpanik einen jungen Wissenschaftler und geht mit ihm nach Hongkong. In der engen Gesellschaft der einstigen Kronkolonie gelangweilt, verfällt sie bald dem eitlen Charles Townsend. Als ihr Mann davon erfährt, ändert sich ihr Leben von Grund auf ...

Meine Gedanken zum Buch: 

Maugham erzählt die Geschichte einer Frau, die, getrieben von gesellschaftlichen Zwängen in ihr Unglück rennt, indem sie einen Mann heiratet, den sie nicht liebt. Die große Liebe findet sie in Hongkong, doch letztendlich führt das Schicksal sie an einen Ort, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben erkennt, was wirklich wichtig ist, worauf es ankommt. Geläutert und als ein neuer Mensch kehrt sie zurück nach England, der Zukunft blickt sie mit Mut und Zuversicht entgegen. Einmal mehr ein großartiges Stück Erzählkunst. Ein Roman, der mich einmal mehr darüber erstaunt sein lässt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Engländer sich in den Kolonien bewegten, ohne je ihre Rechte infrage zu stellen. Wie immer beschreibt Maugham die Menschen als objektiver Beobachter in ihrer Zeit, ohne zu verurteilen und ohne zu werten. Eine Leseempfehlung für alle, die gute Literatur lieben!

Kitty hatte für China, wohin das Schicksal sie verschlagen hatte, immer nur oberflächliche und verächtliche Aufmerksamkeit gehabt. In ihren Kreisen war das nun einmal nicht anders. Jetzt tauchte auf einmal eine Ahnung von etwas Fernliegendem und Dunklem in ihr auf. Hier war der Osten, uralt, unerforschlich, unergründlich. Die Bekenntnisse und Ideale des Westens erschienen kindisch, verglichen mit den Bekenntnissen und Idealen, von denen sie durch dieses auserlesene Geschöpf einen flüchtigen Blick zu erhaschen meinte. Hier war ein anderes Leben, nach einem anderen Plan gelebt.

Seitenangabe für Zitat1: 
195

Ich will eine Tochter haben, um sie so zu erziehen, daß sie nicht die Fehler begeht, die ich gemacht habe. Wenn ich an mich zurückdenke, so verachte ich mich. Aber ich konnte nicht anders. Ich werde meine Tochter zu Freiheit und Selbständigkeit erziehen. Ich will mein Kind nicht zur dazu in die Welt setzen und lieben und aufziehen, daß dann irgendein Mann so gern mit ihr schlafen will, daß er bereit ist, sie dafür lebenslänglich mit Kost und Logis zu versorgen!

Seitenangabe für Zitat2: 
278
Verlag: 
Diogenes Verlag
Auflage: 
Revidierte Übersetzung
ISBN: 
ISBN-13: 978-3257214611