Der Trost von Fremden

Der_Trost_von_Fremden.jpgColin und Mary, ein nicht mehr ganz junges Paar, haken in Venedig das obligatorische Touristenprogramm ab. Eines nachts treffen sie den netten,aber etwas aufdringlichen Robert, der verspricht, ihnen ein noch geöffnetes Restaurant zu zeigen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, weil Colin und Mary an ihren höflichen Umgangsformen festhalten und darum den immer unangenehmer werdenden Robert nicht loswerden können. In ihrer Hilflosigkeit ähneln sie Fliegen, die im Spinnennetz zappeln und es noch nicht einmal merken. Auch dem Leser erschliesst sich erst zum Schluss, was eigentlich los ist.

Colin und Mary finden ihre Spiegelung ins extreme gesteigert in Robert und Caroline, die in ihrer leidenschaft vor nichts zurückschrecken. Zangsläufig mündet deren sexuelle Obsession in den Tod – entweder den eigenen oder den eines anderen.

Meine Gedanken zum Buch: 

Im Original heisst das Buch übrigens "The Comfort of Strangers".
McEwans Kunst zu erzählen, fesselt seine Leser auf eine ganz einzigartige Weise. Immer kommt das Grauen auf leisen Sohlen daher, schleicht sich hinterrücks unter das Alltagsgeschehen, und schockiert am Ende um so mehr. Man ist als Leser den Protagonisten immer ein paar Schritte voraus, man ahnt schon, dass etwas Schreckliches passieren wird und hat den ständigen Wunsch einzugreifen und das Unausweichliche, das Böse, zu stoppen. Doch man ist untätig dazu verdammt, in diesem Fall das junge Paar in sein Verderben rennen zu lassen und schließt das Buch mit offenstehendem Mund, ungläubig realisierend, dass alles noch viel schlimmer gekommen ist, als man es sich je hätte vorstellen können.
Eine echte Empfehlung für die Liebhaber von tiefen, dichten und makaberen Erzählungen.
Zu empfehlen auf  jeden Fall auch der Film von Paul Schrader (mit Christopher Walken, Rupert Everett und Natasha Richardson) - die morbide Stimmung des Buches ist auf eine Art und Weise eingefangen, dass man die Gänsehaut kriegt.

Verlag: 
Diogenes Verlag
Auflage: 
8. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3257212662

Kommentare

.... starte noch rechtzeitig vorm bevorstehenden Venedig-Urlaub damit und kann`s schon kaum erwarten... Mensch, bin ich neugierig.... dein Kommentar klingt ja auch mehr als vielversprechend..... fang gleich mal an.... ;o)
 
 
Jeden Nachmittag, wenn sich die ganze Stadt hinter den dunkelgrünen Fensterläden ihres Hotels zu regen begann, wurden Colin und Mary geweckt durch das systematische Bosseln von Stahlwerkzeugen gegen die eiserenen Lastkrähne, die am Ponton des Hotelcafe`s vertäut lagen.....

Dieses Buch fügt Venedig noch eine Stimmung hinzu, finde ich. Quasi eine Steigerung zu "Wenn die Gondeln Trauer tragen", denn auch nach diesem Film dreht man sich in den kleinen Seitengassen schon mal um, um zu sehen, ob einem nicht jemand verfolgt.
Viel Spaß in Venedig - in jeder Hinsicht! Wink

Jeden Abend, in der rituellen Stunde, die sie auf ihrem Balkon verbrachten, bevor sie sich auf die Suche nach einem Restaurant machten, hatten sie geduldig den Träumen des anderen zugehört, im Austausch für den Genuß, ihre eigenen erzählen zu können.

In dem Moment, als Colin die Dusche abdrehte, begann der Mann von gegenüber, wie an den vorherigen Abenden, unter seiner Dusche sein Duett aus der Zauberflöte zu singen. Mit einer Stimme, die das wolkenbruchartige Wasserbrausen und das Schmatzen und Schlabbern verschwenderisch geseifter Haut übertönte, sang der Mann mit der völligen Ungezwungenheit dessen, der sich ohne Publikum glaubt, kiekste und jodelte die hohen Töne, tra-la-la-te die vergessenen Worte und schmetterte die Orchesterpassagen. " Mann und Weib, und Weib und Mann, reichen an die Gotteheit an".  Sowie die Dusche abgestellt war, verflachte der Gesang zu einem Pfeifen.

Allein vielleicht hätte jeder für sich die Stadt mit Vergnügen erkunden, Launen erliegen, Ziele aufgeben und so das Verirrtsein genießen oder ignorieren können. Es gab so viel zu bestaunen hier, man mußte nur auf Draht sein und die Augen aufsperren. Doch sie kannten einander so gut wie sich selbst, und ihre Vertrautheit war, wie zuviele Koffer etwa, eine ständige Belastung; gemeinsam bewegten sie sich langsam, unbeholfen, schlossen klägliche Kompromisse, achteten auf leise Stimmungsumschwünge, kitteten Brüche. Als Individuen waren sie nicht leicht gekränkt; aber gemeinsam gelang es ihnen, einander auf überraschende, unerwartete Weise zu kränken; dann irritierte den Kränkenden - es war zweimal seit ihrer Ankunft geschehen - die Überempfindlichkeit des anderen, und sie setzten die Erkundung der gewundenen Gassen und unvermuteten Plätze schweigende fort, und mit jedem Schritt wich die Stadt zurück, während sie sich tiefer in der Gegenwart des anderern verschlangen.

wow... was für ein Buch....
 
McEwan geht ins Detail, beschreibt die Atmosphäre dieser Stadt mit so vielen Einzelheiten, dass man sich als Venedigbesucher in so vielen Momenten wieder erkennt.
 
Was die Beziehung der beiden Hauptfiguren, Colin und Mary, angeht.... irgendwie wirken die beiden am Anfang ein bissl verstörend auf mich. Sie sind zwar zusammen, sind offensichtlich ein Paar und trotzdem hat man als Leser immer wieder den Eindruck, dass sie einander eigentlich garnicht richtig wahrnehmen.  Grade am Anfang hab ich mich oft gefragt, was diese beiden Menschen überhaupt miteinander verbindet... obwohl ein Paar, hatte ich sehr oft den Eindruck, dass sie sich im Grunde fremder als fremd zu sein scheinen....
 
Vom Stil her einfach toll und unheimlich..... bis kurz vor Schluss hat man als Leser absolut keine Ahnung, welche Wende einem da noch bevorsteht.... was sich dann aber für ein Abgrund auftut...oh mein Gott... man sieht mich nicht oft fassungslos und mit offenem Mund in ein Buch starrren.... hier ist es aber genau so gekommen. Bin noch immer sprachlos... DAS war wirklich nicht zu erwarten!!!!
Sogleich musste ich dran denken, was mir als Kind mit erhobenen Zeigefinger immer eingetrichtert wurde: " Geh nicht mit Frenden mit, sprich nicht mit ihnen und nimm nichts von ihnen....."
Ja, ja.... das bekommt in Verbindung mit diesem Roman wieder eine ganz neue Tiefe... ;o)
 
Frage mich noch immer, wie McEwan auf diese Geschichte gekommen ist... so ein Verlauf fällt einem ja nicht alle Tage ein. Hatte er von vornherein diesen Ausgang im Sinn und hat eine Geschichte darum gebastelt.... oder hat sich dieser Schluss erst im Verlauf des Schreibens entwickelt.
Oft kommt es ja auch vor, dass Autoren mit einem Roman beginnen und erst im Schreiben Ideen Formen annehmen und sich entwickeln....
 
 

Bin ich froh, dass sich einer meiner Lieblingsautoren bei Dir rehabilitieren konnte! Wink Meiner Meinung nach ist das aber auch sein bestes Buch, knapp gefolgt von "Der Zementgarten".
Schau Dir bei Gelegenheit den Film an, der ist hervorragend gemacht, vor allem die "Fremden" sind wirklich gruselig, da ahnt man gleich beim ersten Treffen, dass da irgendwas im Busch ist.