Der Schaum der Tage

Der_Schaum_der_Tage.jpgColin hat seinen Freund Chick zum Essen geladen - alles ist bestens vorbereitet: blaßblaues, zum Teppich passendes Tischtuch, als Tafelaufsatz ein Glasgefäß, in dem zwei in Formalin schwimmende Hühnchen das Spectre de la Rose von Nijinski darstellen; als Aperitif gibt es einen Drink aus dem Pianococktail (jeder Note ist ein Getränk oder Gewürz zugeteilt, man muß nur noch die Melodie bestimmen). Nicolas, der Koch, serviert Pastete von einem Aal, den er mit Ananas-Zahnpasta aus der Wasserleitung gelockt hat. Die beiden Freunde unterhalten sich über Schielston, den neusten Modetanz, und natürlich über Jean-Saul Partre, den Chick mehr liebt als seine Freundin Alise und für dessen in Stinktierleder gebundene Ausgabe von Moder oder Erbrechen er sein ganzes Geld ausgibt. Als Colin endlich die süße Chloe kennenlernt - sie sieht aus, als wäre sie von Duke Ellington arrangiert -, wird gleich geheiratet, mit allem, was dazugehört: Ehrenpäderasten, einem schneeweißen Automobil und Unmengen von weißen Gladiolen und roten Rosen, mit denen die Zimmer ausgelegt werden. Der kleine Zwischenfall in der Kirche (der erste Kapellmeister war zu nahe an den Rand der Empore getreten und ins Leere gestürzt) wird nicht weiter beachtet, genausowenig wie einige nur von den Mäusen mit den netten Schnurrhaaren bemerkten Veränderungen in der Wohnung: die Sonnen scheinen nicht mehr so hell, die Kacheln erblinden, und die Ecken der Zimmer verschwinden. Noch auf der Hochzeitsreise hat Chloe ein rätselhaftes Gefühl. Professor Frißtfrist läßt zwar den Goldpegel in Colins Tresor immer weiter sinken, weiß aber keinen rechten Rat ...

Meine Gedanken zum Buch: 

 

Dieses Buch von Boris Vian zählt zu seinen schönsten und ergreifendsten. Und vielleicht ist es auch eine der ungewöhnlichsten und schönsten Liebesgeschichten, die je geschrieben wurden. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen (und das schon zum dritten Mal). Vian besticht durch seinen unermüdlichen Einfallsreichtum, seine überschäumende Phantasie; niemals wirkt etwas schwerfällig, die Handlung breitet sich leichtschwebend aus und ist doch von einer existenziellen Tiefe, die berührt und nachdenklich macht. Das Buch ist komisch und tragisch - wie das Leben. "Ein Kultbuch von geradezu unerträglicher Schönheit" meinte der Kritiker von 3sat, und Recht hat er.

Vorwort:
"Im Leben kommt es darauf an, über alles a priori Urteile zu fällen. Es hat tatsächlich den Anschein, daß die Massen im Unrecht sind und die einzelnen immer recht haben. Man muß sich hüten, daraus Verhaltensregeln abzuleiten: sie sollten nicht der Formulierung bedürfen, um befolgt zu werden. Es gibt nur zwei Dinge: die Liebe, in allen Spielarten, mit schönen Mödchen und die Musik von New Orleans oder von Duke Ellington. Alles übrige mag verschwinden, denn alles übrige ist häßlich, und die Beweiskraft der folgenden Seiten beruht auf der Tatsache, daß die Geschichte vollkommen wahr ist, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe. Ihre Sichtbarmachung geschah im wesentlichen dadurch, daß eine Realität bei feuchtwarmer Atmosphäre auf eine unregelmäßig gewellte, Verzerrungen erzeugende Fläche projiziert wurde. Es wird sich zeigen, daß dies ein durchaus annehmbares Verfahren ist. New Orleans, 10. März 1946"

Seitenangabe für Zitat1: 
3
Verlag: 
Wagenbach
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3803111777

Kommentare

ist eine Gesamtausgabe von Boris Vians Romanen bei mir eingetrudelt - eine Taschenbuchausgabe von 2001 um nur 18,- inkl. Versand. Ein heisser Tipp für alle Fans skurriler Literatur. "Der Schaum der Tage" ist natürlich auch drin, gleich an erster Stelle - die "ergreifendste Liebesgeschichte der Gegenwart", wie schon Raymond Queneau sagte.