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Der Geschmack von Apfelkernen

Bild von Jana Neubert
Verfasst von grey bookreader Jana Neubert am Sa, 21/06/2008 - 19:09
Inhaltsangabe

51LL7GukWZL__SL500_AA240_.jpg»Schon immer begannen die Bewegungen des Schicksals - auch die unserer Familie - mit einem Sturz. Und mit einem Apfel.«
Als Bertha stirbt, erbt Inga das Haus. Nach vielen Jahren steht Iris wieder im alten Haus der Großmutter, wo sie als Kind in den Sommerferien mit ihrer Kusine Verkleiden spielte. Sie streift durch die Zimmer und den Garten. Sie schwimmt in einem schwarzen See, bekommt Besuch, streicht eine Wand an und küsst den Bruder einer früheren Freundin. Iris ahnt, dass es verschiedene Spielarten des Vergessens gibt. Und das Erinnern ist nur eine davon.

Zitate

..., aber durch den Hall, der in der hohen Küche die Stimmen verzerrte, konnte man nie hören, worüber geredet wurde. Aber welche Gefühle durch die Küche schwirrten, das war ganz genau zu hören. Waren die Stimmen gedämpft und tief, die Worte einsilbig und mit langen Pausen dazwischen, dann gab es Sorgen. Wenn viel und schnell gesprochen wurde und auf immer demselben, meist lauten Ton, dann waren es Berichte über Alltägliches. Wurde gekichert und geflüstert oder gab es gar unterdrückte Schreie, war es ratsam, sich schnell anzuziehen und hinunterzuschleichen, denn Geheimnisse wurden nicht mehrmals am Tag gelüftet.

Seitenangabe für Zitat1:
84

Ich verstand nicht, warum sich in den Hallenbädern die Mädchen immer in einem Gemeinschaftsraum umziehen mussten, während die Damen Einzelkabinen hatten. Umgekehrt wäre es sinnvoller gewesen: Das Unfertige bedurfte der Verhüllung. Das war bei Kunstwerken nicht anders als bei Kartoffelkäfern. Mir war schon klar, zu welcher der beiden Gruppen ich gehörte.

Seitenangabe für Zitat2:
152

Ich liebte es, zu lesen und dabei zu essen. Ein Brot nach dem anderen, einen Keks nach dem anderen, süß und salzig im stetigen Wechsel. Es war wunderschön: Liebesgeschichten mit Gouda-Käse, Aben-teuerromane mit Nuss-Schokolade, Familientragödien mit Müsli, Märchen mit weichen Karamell-bonbons, Rittersagen mit Prinzenrolle. ...
Und ich würde lesen und essen, und ich würde eine unglückliche, stumme Meerjungfrau oder ein kleiner Lord sein, würde auf einer einsamen Insel stranden, mit wildem Haar über ein Hochmoor rennen oder Drachen töten. Zusammen mit den Mandeln zermalmte ich meine Wut und meinen Ekel vor mir selbst und schluckte dann beides mit Backschokolade hinunter. Und solange ich las und aß, war es gut. Ich war alles, was man sein konnte, nur nicht ich selbst. Bloß durfte ich um keinen Preis aufhören zu lesen.

Seitenangabe für Zitat3:
154
Quellenangaben
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch, Köln
Erscheinungsjahr:
2008
Auflage:
5. Auflage
ISBN:
ISBN 978-3-462-03970-2
Meine Gedanken zum Buch:

Anfangs hatte ich ein wenig Berührungsängste mit der Sprache, die mir irgendwie erzwungen bildhaft schien.
Doch nach und nach zog sie mich dann doch in ihren Bann und ich roch, schmeckte und hörte sämtliche beschriebene Eindrücke in einer Intensität, dass ich selbst den Baulärm um mich herum nicht mehr wahrnahm.
Beim Lesen dieses Buches kamen viele Erinnerungen an meine Kindheit in mir hoch, die ich längst vergessen glaubte. Der Garten meiner Großeltern barg ähnliche Köstlichkeiten, von denen ich hier lesen durfte, z.B. »einen Zug Rosen auf Lunge« (S. 33).
Ich könnte noch unzählig viele dieser intensiv riechenden/schmeckenden Bilder hier zitieren, aber ich möchte natürlich nicht zu viel verraten. Es lohnt sich meines Erachtens, diese Geschichte voller Erinnerungen und Entwicklungen einfach zu genießen.

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Bild von Gabi Konrad

Schillernd und magisch

Ein feines Buch - Katharina Hagena spielt mit der Sprache und es ist ein Genuss es zu lesen.

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