Der Besuch des Leibarztes

Zwei Jahrzehnte vor Ausbruch der französischen Revolution kommt der Arzt und Aufklärer Struensee aus Altona an den Hof des dänischen Königs Christian VII. Ein kleinwüchsiger, kranker Kinderkönig, der mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde verheiratet wurde, die weinte, als sie nach Dänemark reiste. "Die Königen ist einsam. Nehmen sie sich ihrer an!" befiehlt der König seinem Leibarzt. Und die drei werden Figuren einer unaufhaltsamen und bewegenden Tragödie.

Meine Gedanken zum Buch: 

Per Olov Enquist schreibt historische Biografien der anderen Art. Er verpackt die Geschichte seiner Protagonisten in eine Vielzahl von Handlungen, gespickt mit einer prägnanten und facettenreichen Sprache, die einen immer wieder fasziniert.   Die Geschichte von Johann Friedrich Struensee ist auch die des jungen Königs von Dänemark, Christian VII, der von intriganten Höflingen geschickt manipuliert, gebrochen und fast in den Wahnsinn getrieben wird. Nur wenige erbarmen sich seiner, schließen diesen kranken Menschen ins Herz, der im Grunde immer ein Kind geblieben ist und nichts mehr sucht, als Liebe und Nähe. Struensee folgt der Bitte des Königs, sich um die junge Königin anzunehmen, das Kind, das dieser Beziehung entspringt soll Vorfahrin vieler zukünftiger Adelsgenerationen werden. Struensee jedoch, der Weltverbesserer mit der Feder in der Hand, wird ebenfalls Opfer einer Intrige derer, die um Macht, Einfluss und Vermögen fürchten, und verliert nach nur vier Jahren am dänischen Hof im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf.   Ein historischer Roman für alle, die gern gut recherchierte Bücher dieses Genres lesen, die trotzdem nicht auf das Menschliche verzichten.

Der junge Struensee sollte jedoch revoltieren. Er wurde ein Freisinninger und Atheist. Er war der Ansicht, der Mensch, werde, wenn er sich frei entwickeln dürfe, mit Hilfe der Vernunft das Gute wählen. Er schreibt später, daß er früh der Vorstellung vom Menschen "als einer Maschine" angehangen habe, ein Ausdruck, der charakteristisch ist für den Traum der Zeit von Rationalität. Er benutzt den Ausdruck wirklich: und daß es nur der Organismus des Menschen sein, der Geist, Gefühle, gut und böse schaffe.

Seitenangabe für Zitat1: 
114

Das Bild der schwarzen Fackel, die Dunkel ausstrahlte, verließ ihn nicht. In diesem jungen Monarchen brannte eine schwarze Fackel, das wußte er jetzt, und ihr Schein schien die Vernunft auszulöschen. Warum ging ihm dieses Bild nicht aus dem Kopf? Vielleicht gab es auch in ihm eine schwarze Fackel. Nein, vielleicht doch nicht.
Aber was war dann dort?
Das Licht, der Präriebrand. Das waren so schöne Wörter.
Aber Christian war sowohl Licht als auch die Möglichkeit und eine schwarze Fackel, die ihr Dunkel über die Welt schleuderte.
War so der Mensch? Möglichkeit und schwarze Fackel zugleich?

Seitenangabe für Zitat2: 
185

Struensees phantastische politische Produktivität war bemerkenswert. Aber wieviel davon wurde Wirklichkeit?
Das Bild eines Schreibtischintellektuellen, der mit einer verblüffenden Macht ausgestattet war, ist allerdings kaum zutreffend. Dänemark wurde nach der Struenseezeit nie mehr das alte. Guldberg hatte recht gehabt mit seinen Befürchtungen; die Ansteckung der Aufklärung hatte sich festgesetzt, Worte und Gedanken konnte man nicht köpfen. Und eine der Reformen, die Struensee nicht geschafft hatte, die Abschaffung der Schollengebundenheit und der Leibeigenschaft, wurde schon 1788 Wirklichkeit, im Jahr vor der französischen Revolution.

Seitenangabe für Zitat3: 
368
Verlag: 
Fischer (Tb.)
Auflage: 
6. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3596154043

Kommentare

  Auf Seite 165 angelangt,
- eine Erfahrung, dass man Sprache und Formulierung so Nobel und in eine Art  " bedächtigen Ton"  in eine Erzählung rein packen kann.
weitere Eindrücke folgen
yps

und ich bin fasziniert. Fasziniert von der zarten Sprache die sich in diesem Drama verbirgt.
eine Mischung  aus politischer Grausamkeit, Drama u. Liebesgeschichte, ausgehend von eine der emotionalsten Begebenheiten der europäischen Geschichte, und Per Olov Enquist versteht es, dass trotz bekannt sein des geschichtlichen Ausgangs, dieser Roman bis zum Schluß fesselt.
 
 

Der kann schon gut schreiben, gell? Hast Du "Blanche und Marie" von ihm gelesen? Das hat mich auch sehr berührt und fasziniert

Danke für den Buchtipp, ich werde mit 100prozentiger Sicherheit weitere Bücher von ihm lesen, beim nächsten Besuch einer Buchhandlung suche ich schon nach "Blanche und Marie"