Der Bastard. Der Fürsorgezögling

1952. Eine Bauernmagd wirft ihr erstes Kind, im nächsten Jahr das zweite, im nächsten Jahr das dritte. Das erste davon bin ich. Außerehelich. Welch eine Schande. Die BH schaltet sich ein, die Fürsorge, man will für die Kinder ein gutes Platzerl finden, es wird ein lebenslanger Höllentrip.
Niemand trägt die Schuld,niemand ist verantwortlich. Bis heute nicht.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ich habe das Manuskript »Der Bastard« von Franz Josef Stangl mit Anteilnahme gelesen. Eine Expedition hinter die Kulissen der Gesellschaft in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
In kompromissloser Erzählweise und atemlosen Erzählton gelingt es Stangl für den Leser ein Stück verborgener Wirklichkeit sichtbar und greifbar zu machen. Ich halte das Buch notwendig für die österreichische Literatur und das Verständnis einer ganzen Generation.                                         Gerhard Roth
Für mich als Autor war  es ein Schritt in eine teilweise Befreiung, ein Weg zurück um den Menschen zu finden den man mir damals abgesprochen hat.             Franz Josef Stangl

Aus dem Haustor trat eine etwa fünfzigjährige auf Krampfadern wandelnde Frau, welche mehr breit als hoch zu sein schien. Aber sie war nicht fett, sondern stämmig, sie hatte ihre Unterarme vor der Schürze verschränkt und ihre Beine leicht gespreizt im Boden versenkt. Der Hund hatte sich neben sie gesetzt, und so standen, bzw. saßen sie dort-wie angewachsen im Nachmittag. Die Fürsorgerin kroch mit "Ähs" und "Ahs" aus dem Wagen, klappte den Sitz nach vorne: "Aussteigen". Ohne "Ähs" und "Ahs" kroch Franzi ihr hintenach. "Frau Mehringer?", fiepste die Fürsorgerin in Richtung der Bäuerin und dem Hund. "Ja", sagte jene. Das war es auch schon wieder. "Jaha...ich bin die Fürsorgerin und bringe den Buben...wie vereinbart. Schiestl, Jugendamt Graz, Fürsorge Graz, Bezirkshauptmannschaft Graz, Jugendwohlfahrt Graz". Währenddessen musterte die Bäuerin den Buben, als schiene sie zu überlegen, ob es besser sei, ihn vor einen Pflug oder Heuwagen zu spannen. "Ah", sagte die Bäuerin. "Viel ist an dem Krispinderl nicht dran".
 

Seitenangabe für Zitat1: 
8384

"Sind S`nicht gar zu streng zu ihm", sagte der Gendarm im Weggehen, setzte seine Kappe auf und verschwand. Die Bäuerin huschte ihm nach, Franzi hörte das zweimalige Knacken im Türschloss. Nichts sagte sie zu ihm, nur ein bitterböser, verächtlicher Blick. Aus der großen Holzkiste im Vorraum, in welcher sich Kukuruzkörner befanden, schöpfte sie eine Blechbüchse voll, streute die Körner in die Ecke bei der Verschlagtüre auf den Boden, aus der kleineren Kiste unter dem Herd kramte sie die Schärfe prüfend ein dickes Holzscheit, legte jenes in die Mitte des ausgestreuten Kukuruz, riss ihn an den Haaren aus der Herrgottsecke, schrie ihn, den Überraschten an: "Dreckstück. Da kniste du dich jetzt hin bis du verfaulst. Und wehe du bewegst dich". Sie drückte ihn zu Boden, trat ihm mit dem Gummistiefel in den Rücken. "Gerade kniest du! Gerade wie ein Stock".

Seitenangabe für Zitat2: 
97

Schaudernd seufzte sie und setzte ihre Stelzen in Bewegung. Am Brunnen kamen sie vorbei, und dort saßen Maitschi und Sepperl auf der Betonumrandung. Auch die beiden wurden belästigt, denn Schiestl (Name der Fürsorgerin) meinte: "Na Kinder, wie gefällt es denn euch hier?". Natürlich wartete sie keine Antwort ab. "Gell, das ist doch gleich etwas anderes als dort, wo ihr herkommt". Zur Bäuerin gewandt:"Ach die Kinder, die bedürftigen Geschöpfe". Die Bäuerin erzählte von besonders vielen Sturmschäden im Wald, die gäbe es zwar eh jedes Jahr, ließ sie wissen, aber heuer,sakkra, mehr als sonst, ein großer finanzieller Verlust, und jetzt hätte sie die Borkenkäferplage. "Ja ja, die Borkenkäfer", sagte Schiestl, "diese Borkenkäfer", dann möchte sie von der Bäuerin wissen :"Was sind denn eigentlich Borkenkäfer? Das sind doch die, die....". Vergiss es Schiestl. Franzi erklärte bereitwillig, dass Borkenkäfer Käfer sind, die das Holz auffressen,wenn es am Boden liegt.

Seitenangabe für Zitat3: 
186
Verlag: 
Bibliothek der Provinz
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
ISBN 978-3-85252-909-7

Kommentare

Ich muss gestehen, es fällt mir nicht leicht, hier nun die richtigen Worte zu finden.
Dieses Buch macht mich nachdenklich, es bedrückt mich, macht mich traurig, aber auch wütend... Unfassbar ist das Gelese für mich....Und wenn man, so wie ich, die Person die hinter dieser Lebensgeschichte steckt einmal persönlich kennelernen durfte, sieht man all das wahrscheinlich noch aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Mich erstreckt die Kälte, die Härte, mit der hier gehandelt wurde und ich frage mich, warum hat keiner eingegriffen.
Wie heißt es doch immer so schön "alles zum Wohle des Kindes", doch warum hat niemand die Augen geöffnet und auch nach diesem Grundsatz gehandelt???

Es gibt viele Passagen in diesem Buch die mich bewegt haben, eine aber ganz besonders:
Zitat Seite 103: "Ist das wirklich meine Schwester?" Lange sah er das kleine Mädchen an, der Schmutz und die Tränenspuren in ihrem Gesicht verschwanden vor seinen Augen, das zersauste schmutzige Haar war wieder hübsch frisiert, dann erblickte  er die kleine blaue Masche, und sie hatte auch keinen löchrigen Fetzen mehr an, sondern ein hübsches Blumenkleid. Er küsste sie auf die Wange, drückt sie an sich und dann begann auch er zu heulen....

Ich kann mich im Grunde Claudias Kommentaren nur anschließen. Man fragt sich, was Menschen dazu bewegt, ein Kind aufzunehmen, wenn sie es sowieso nur schlecht behandeln. Bei der Bäurin Mehringer ist es ja klar, die brauchte billige Arbietskräfte und jemanden, an dem sie ihre Aggressionen abbauen kann. Bei den Kichs muss es wohl das Geld gewesen sein, denn ich nehme an, dass man auch in den Fünfzigern schon dafür bezahlt wurde, wenn man ein Pflegekind aufnahm.
 
Abgesehen von Franzis Schicksal erschüttert mich die Ahnung, dass derlei Dinge heute immer noch passieren, dass immer noch - trotz der guten Absicht vieler - Kinder durch dieses Sieb in den Abgrund rutschen, bei Pflegefamilien misshandelt und missbraucht werden und die Fürsorger zu beschäftigt oder zu abgebrüht sind, um mit offenen Augen in die richtige Richtung zu schauen.
 
Ob es heute immer noch derartige angekündigte Besuche der Fürsorge gibt, auf die sich die Misshandler ordentlich vorbereiten können? Ein Mascherl ins Haar, die Narben gut verdeckt, den Dreck schnell entsorgt - wo war denn da die Schule, die Lehrer? Gab es denn in der damaligen Zeit keinen Menschen, der Mitleid mit einem kleinen Kind hatte, der sich gefragt hat, warum ein Zehnjähriger so voller Aggressionen ist?
 
Abschließend möchte ich noch sagen, dass mir der Stil sehr gut gefallen hat, in dem Franz seine Geschichte erzählt. Authentisch, öserreichisch, streirisch, oft schon ans Dokumentarische grenzend und trotzdem bis ins Innerste berührend.

Danke für Eure netten Kommentare, zum Geld bei den Kichs, die bekamen pro Monat öS 400.- (1957),wieviel das heute umgerechnet an Wert  darstellt wäre auch für mich interessant. Die Klamotten kamen zwei Mal pro Jahr von der Fürsorge via Kastner&Öhler, Schulsachen eigentlich auch, aber da wurde offensichtlich Geld unterschlagen wenn ich an meine mickrige Grundausstattung in der Schule denke.
Die Gefahr,dass es auch heute noch geschehen kann ist kleiner geworden, aber es ist auf keinen Fall auszuschließen. Pflegekinder werden nicht mehr wahllos vergeben, das reduziert das Risiko, schrecklich ist es allemal daran auch nur denken zu müssen.
 
Einer der Gründe weswegen ich das Buch geschrieben habe ist auch jener des Aufmerksamkeit erregen wollens, meine Kritik an den "Staat", an uns "alle" - habe ich einmal zum Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" geschrieben, egal ob Bahnhof Zoo, Wien-Karlsplatz, Obdachlosenasyle oder Obdachlosigkeit selbst, Drogen-und/oder Alkoholabhängigkeit, es ist immer ein unwürdiges am äußersten Rand der Gesellschaft vegetieren, und viele viele dieser Menschen hatten eine unglaublich schreckliche Kindheit. Sie haben sich sozusagen nie "erfangen".Ich kann dies aus eigenen Erfahrungen bestätigen, wer sich an Kindern, in welcher Form auch immer vergreift nimmt vielen davon von Beginn an die Menschenwürde für den Rest des Lebens. Diese Menschenwürde muss Tag für Tag erkämpft und zurückerstritten werden will man sich nicht im eigenen Schicksal ersticken lassen.
 

Franjo

Hallo Franz,
 
ich hab meinen Text und eine kurze Zusammenfassung jetzt auch bei Amazon gepostet - vielleicht solltest Du dort auch eine Kurzusammenfassung einstellen, als Autor hast Du ja die Möglichkeit.
Ich habe jetzt gesehen, dass es dort um 30 Euro angeboten wird. Das ist es als schön gestaltetes Hardcover sicher auch Wert, aber ich bezweifle, dass viele Leute das Geld ausgeben werden wollen, das ist schon ganz schön teuer.
 
An "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" musste ich natürlich auch denken, denn das war genau in meiner Jugend aktuell und hat mich damals sehr verstört. Ich selbst bin sehr bescheiden aufgewachsen, aber in einer liebevollen Umgebung. Was ich damals zu lesen bekam, konnte ich als Kleinstadtei mir garnicht vorstellen, obwohl es bei uns in Krems besonders viele arme Familien und Drogensüchtige gab. Trotz meiner wilden Ausbrüche bin ich im Vergleich dazu sehr behütet aufgewachsen und kann nicht einmal erahnen, wie es einem Kind wie Christiane F. oder Dir ergangen sein mag.
 
Ich sehe Dein Buch auch als Kritik am System und natürlich auch an der Gesellschaft. Was damals wie heute fehlt, ist Zivilcourage. So, wie Du ihn beschreibst, muss z.B. der Dorfgendarm doch zumindestens erahnt haben, wie es Dir bei der Mehringer ergangen ist, warum hat der nicht eingegriffen? Oder die Lehrer? Gerade in so einem kleinen Kaff weiß so gut wie jeder, was hinter verschlossenen Türen vorgeht oder oben am Berg, und niemand hat sich dafür eingesetzt, dass man dieser Kreatur keine kleinen Kinder mehr anvertraut. Und heute ist es nicht viel anders. Wenn wo einer sein Kind schlägt oder misshandelt, schauen alle weg - ja net anstreifen.
 
400,-- Schilling waren damals ziemlich viel, mein Papa hat 1963 gerade mal 1.800,00 verdient und musste davon die Familie erhalten!
Das kriegt man heute in Österreich:
http://www.igelkinder.at/die_zuwendungen_fur_pflegekinder.html
 
Liebe Grüße
Germana

24.-Euro neu beim Verlag und/oder im Buchhandel, Plautz wird das sicher gerne erledigen ;-): Ich hoffe niemand gibt 30.- Euro aus.  Danke für den link zu den Igelkindern. Warum niemand etwas gewusst hat...nicht wissen wollte, darüber habe ich meine Haare verloren, der Rest ist grau geworden. Möglicherweise hat jemand etwas geahnt, kann sein, und wenn...dann wird er schon nicht umsonst die Prügel bekommen haben :-(.  Damals "normal", auch heute ist die "g'sunde Watschen" wieder in Diskussion, kein Huhn kann so ver-rückt werden wie ich wenn ich darüber nachdenke :-).
Werde bei amazon vorbeischauen, danke Dir dass Du Deinen Text dort hineingestellt hast, ich werde mich schlau machen wie das geht.
 
Liebe Grüße, Franz

Franjo

Ich bin ja nicht gerade sehr geübt im Rezensionen schreiben, aber vielleicht kann sich ja Claudia auch noch aufraffen. Ein Buch, bei dem schon ein paar Meinungen stehen, kommt meiner Erfahrung an immer besser an.
Wirklich wichtig ist auf jeden Fall eine gute Zusammenfassung oder der Klappentext, Deine Zitate von Gerhard Roth kannst Du auch dazu einstellen. Es soll nur immer klar ersichtlich sein, was vom Autor kommt und was von Lesern, sonst wirft man Dir noch vor, Du würdest verdeckt Dein eigenes Werk beweihräuchern Smile

Deine Worte in der Göttinen und Götter Ohr. So soll es nicht sein! Es ist ohnehin mehr als mühsam mit dieser Materie Interessierte in die Leseecke zu locken. Damit macht man sich im offiziellen Österreich mehr Feinde als Tantiemen, "nur nicht bei diesem Thema anstreifen". Auf jeden Fall freue ich mich über Deine und Claudias Reaktionen, so etwas ermuntert zum weitermachen.
Liebe Grüße, Franz

Franjo

Servus Seppi,
als ich Dein Buch vor Wochen gelesen habe, hatte ich eigentlich eine Depri, aber dann kochte die Wut in mir hoch und machte an eine mühselige  Arbeitum  einige Deiner Leidensgenossen  zu finden. Ich dachte mir, da ich ja selber stigmatisiert bin, würde es Dir vielleicht helfen, eventuell mit ehemaligen Gleinkern in Kontakt zu kommen.
Es war eine mühselige Arbeit und ich sende Dir die Namen der Jungs und den Informationen die zu ihnen kriegen konnte. Ich weiß jetzt natürlich nicht, wenn Du davon kennst, aber ich dachte mir, "wer weiß vielleicht freut es Dich doch, den einen oder anderen vielleicht doch zu kennen und vielleicht ward Ihr ja sogar Freunde!" Ob es mir, bei dieser klammheimlichen wuselei  geglückt ist, wirst Du selber herauzsfinden müßen, da ich ja kein Gleinker bin, aber wenigstens hast Du schon einmal etliche Namen und denke mir, das es von Österreich doch noch einfacher sein könnte die notwendigen Kumpanen zu finden um endlich, geschlossen, der Scheinheiligkeit in der Politik, einmal kräftig vor das Schinebein zu treten.
Nicht betroffene werden nur betroffen und sind dabei immer etwas draußen, das weißt Du ja selber, aber ehemalige Betroffene zu treffen ist wie ein unsichtbares Band von Solidarität.
In diesem Sinne werde ich diese einmalige Mail heute oder morgen, je nach Arbeitslage, noch fertig machen. Mal sehen was dabei heraus kommt und wer weiß ob dadurch der Kreis Deiner Leidensgenossen sich nicht doch noch  vermehrt.
Das Ziel kennst Du! Übrigens hat auch Girtler zugesagt, bei der großen Podiumsdiskussion teilzunehmen und zwar im  Audimax der Uni Wien.
Ein kleines Geschenk für Dich und Du wirst neben mir auf dem Podium sitzen. Es ist auch eine Reaktion auf Dein Buch, dass ich schon vor Wochen gelesen habe! Lieber Gruß Dein jöri Lol

Klar bekommt der Franz auf Amazon auch einen Kommentar von mir. Momentan happat´s ma a bissl an Zeit, aber versprochen ist versprochen.
Interessant fand ich auch den Satz von Jöri : Nicht Betroffenen werden nur betroffen und sind dabei immer etwas draußen... (sind wir da etwa wieder bei den problematischen  Muttergefühlen??? *g*).
Natürlich können wir nicht nachvollziehen, aber wir können mitfühlen... Solche Bücher erzeugen Emozionen, rütteln wachen, zeigen auf, und das ist etwas sehr Wichtiges.
All diese Dinge, die in dieser "guten alten Zeit" passiert sind gehören meiner Meinung an die Öffeltlichkeit und in das Bewusstsein der Menschen. Vielleicht tragen genau solche Bücher dazubei, das Menschen aufmerksamer/wachsamer werden und mehr zu denken beginnen....
Ich lege dieses Buch auf  jeden Fall jedem ans Herz, es ist  wert gelesen zu werden...
(@ Reinhard: vielleicht hab ich`s ja jetzt auch dir schmackhaft gemacht??!!!)

Liebe Claudia das ist mindestens! einen Wiener Marzipanerdapfel auf meine Kosten wert :-).
 
Zum Satz:  "Nicht Betroffenen werden nur betroffen und sind dabei immer etwas draußen... ", da kann ich Deiner Kritik zustimmen, es soll nur nicht "philosophisch" werden, ich merke bei meinen Lesungen und nachher sehr große Betroffenheit und ehrliches Interesse an der Thematik als solcher - ich muss nicht selbst Heroin gespritzt haben um den Horror dieser Sucht ins Details nachverfolgen zu können, so ist es auch nicht nötig dass "alle" meine Kindheit durchgemacht haben müssen um zu "verstehen".
Im Gegenteil bemerke ich an den Reaktionen, dass ich auch durch die enge Beschäftigung als Autor mit diesen Dingen einen gewissen gesunden Abstand bekommen habe, dass die Gäste oft erschrockener sind als ich selbst wenn ich mich auf diese Lese)reise mache. Und weil das dann s o  ist dauern die Diskussionen nach den Lesungen immer "bis Mitternacht" :-).
 
Liebe Grüße aus der Wiener Nebelsuppe, Franz
 

Franjo