Das wilde Kind

Im Herbst des Jahres 1797, die Jahre der Revolution und des Terrors sind vorbei, stößt der Schmied des Ortes im Wald von Aveyron auf ein nacktes, seltsame Laute ausstoßendes Wesen, die Haut schwarz vor Schmutz, das Haar zottelig. Ein Mensch, ein Tier? Ein Knabe. Die Männer vom Dorf fangen ihn ein, bringen ihn in die Hauptstadt, nach Paris. Man führt ihn bei Hofe vor, er bekommt ein Zimmer in der Taubstummenanstalt und einen Namen. Schließlich wird Victor, das Wolfskind, der Obhut eines jungen Arztes übergeben. Victor wird ihm zu Ruhm verhelfen, aber trotz all seiner Bemühungen wird der Arzt scheitern ...

Meine Gedanken zum Buch: 

Boyle erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache die Geschichte eines Kindes, das eingentlich nicht hätte überleben sollen. Das völlig sich selbst überlassen in der Natur seinen Weg findet, nur um jahrelang gejagt, letztendlich gefangen und in der nächsten Konsequenz gezähmt, sprich: sozialisiert zu werden. Mit wenig Erfolg. Eine Kaspar-Hauser-Geschichte, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich zugetragen hat. Erschütternd und berührend.   http://de.wikipedia.org/wiki/Victor_von_Aveyron   Mir ist beim Lesen der Gedanke gekommen, dass wir es heutzutage wohl auch nicht anders machen würden. Einfangen, kleiden, zur Schau stellen (es gäbe sicher jede Menge Dokus über dieses arme Wesen) und - das wäre jetzt neu dazugekommen - unter den Einfluss aller möglichen Drogen setzen. Nicht viel anders als vor gut 200 Jahren...

Er hatte kein Zeitgefühl. ER spannte sich an, er wippte, er stieß sich mit seinen beweglichen Zehen ab und kratzte mit den Fingernägeln, er bewegte sich hierhin und dorthin, bis die Fesseln langsam nachgaben. Als sie dich gelockert hatten, streifte er sie ab, als wären es irgendwelche Pflanzen, nichts weier als Ranken, Triebe oder kleine Zweige, die nach seinen Handgelenken und Knöcheln griffen, wenn er durch den Wald streirfte, und wenige Augenblicke später erkundete er den Raum. Es gab zwei Türen, doch er wusste nicht, was eine Tür war, und als man ihn hierhergebracht und auf den mit Stroh bestreuten Boden aus gestampftem Lehm gelegt hatte, war er so starr vor Angst gewesen, dass er nicht auf ihre Funktion geachtet hatte.

Seitenangabe für Zitat1: 
15

Nach der anfägnlichen Aufregung, nachdem die Gaffer sich zerstreut hatten und die halbe Pariser haut monde die Stufen in den vierten Stock des Instituts hinaufgesteiegen war, um zuzusehen, wie der Junge sich in der Ecke seines Zimmers vor und zruück wiegte, nachdem er zu einer privaten Unterredung in die Gemächer des Innenministers gebracht worden war (wo er in einer Ecke hockte und mit leerem Blick in dieFerne startte, bevor er einen Haufen auf den Teppic setzte), nachdem die Zeitungen über jeden seiner Schritte berichtet und die Bürger an den Straßenecken darüber debattiert hatten, ob er menschlicher Natur sein, gab man ihm dem Vergessen anheim.

Seitenangabe für Zitat2: 
47
Verlag: 
Deutscher Taschenbuch Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423140652

Kommentare

Nur als Anmerkung, nicht als Kritik - es gibt eine recht lange aber m.M. sehr gute Besprechung in der Badischen Zeitung von Martin Halter
http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/t-c-boyle-und-das-wilde-kind--27190492.html
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