Das Glück in glücksfernen Zeiten

Ein Mann lebt mit sich selbst und seiner Freundin auf halbwegs gutem Fuße. Doch dann äußert die Freundin einen Wunsch, der nicht vorgesehen ist in seinem Lebenskompromiß. Wie weit wird einer gehen, um davonzukommen?

Meine Gedanken zum Buch: 

Wenn jemand Literatur sucht, die beruhigt (für mich immer wieder wichtig) so ist Herr Genazino der richtige Typ und Tipp. Wie weit geht er diesmal? Sehr weit. Schon immer sind seine Figuren kurz vorm Kippen. Und doch noch gerade "normal". Diesesmal kippt die Figur und .... ist sie trotzdem noch "normal"? Das ist die Frage, die sich aufdrängt. Die Handlung wendet sich plötzlich, wie seine Freundin ihn nicht mehr "bändigen" kann und seine Harmlosigkeiten als Fehler deutet. Was macht sie mit ihm? Ja, alles kann ich nicht verraten. Absolute Leseempfehlung. Übrigens ist dieses Buch auch zum Leipziger Buchpreis vorgeschlagen.

Natürlich habe ich nichts gegen Traudel. Ich komme nur nicht damit zurecht, daß ich mich fortlaufend zu ihr verhalten muß. Ich werde dadurch daran erinnert, daß ich ein komplizierter Mensch bin.

Seitenangabe für Zitat1: 
19

Aus dem Urlaub schreibt sie Urlaubsbriefe, zu Weihnachten schreibt sie Weihnachtsbriefe und zu Geburtstag Geburtstagsbriefe.

Seitenangabe für Zitat2: 
32

Die Frau lacht Autos und Häuser und Geschäfte und ihr Kind an, es ist unglaublich. Es ist die Formkraft der Glückserwartung, die Frauen schön macht.

Seitenangabe für Zitat3: 
80
Verlag: 
Hanser
Auflage: 
1.
ISBN: 
9783446232655

Kommentare

Wo soll ich nur anfangen?? Ein absolut tolles Buch, die Sprache einfach hervorragend - jede Zeile bringt mehr und mehr Spaß am Lesen ....
Dieser Roman ist tragisch und komisch zugleich, man begleitet die Hauptfigur (Gerhard Warlich) auf seinem mühsamen Weg durchs Leben, er schlittert von einem Unglück ins nächste und wenn man glaubt da geht schon nicht mehr, kommt doch noch eine Draufgabe.
 
Traudels Wunsch setzt dem Ganzen dann die Krone auf: (S67) Sie braucht, um das Leben  zurückzugewinnen, ein paar deutliche Geschmacksverstärker, sie braucht Kinder oder die Stelle auf S21: Das Problem ist: Traudel will nun doch geheiratet werden.
Ja, die Figur kippt aber sie geht meiner Meinung nach nicht völlig unter (siehe Schlusssatz) - findet Warlich nicht doch noch das Glück in glücksfernen Zeiten ??? Wann ist etwas normal und wann nicht?? Ansichtssache würd ich sagen, betrachtet man all diese Probleme muss man sich fragen, ob man sich nicht selbst oft in der einen oder anderen Situation teilweise wiederfindet. Vielleicht doch der ganz NORMALE Wahnsinn !!!
 

In meiner Schlichtheit, die zu beteuern ich nicht müde werde, habe ich mir immer vorgestellt, daß zwei Personen, die zusammen ein Kind haben wollen, sich eines schönen Tages zusammensetzen und ihre Glückswünsche gemeinsam klären. Statt dessen ist es jetzt so, daß ich als unpassender Partner in der Unübersichtlichkeit der Liebeshandlung irgendwie überrumpelt werden muß, weil es nicht anders geht.

"Geben Sie zu, Sie haben eine neue Flamme! Ich habe gelächelt beziehungsweise etwas blöde gegrinst. Schon dieses Wort! Eine neue Flamme! Es ist schmerzlich, das alles ertragen zu müssen. Und falls Frau Weiss fortfährt, törichte Bemerkungen zu machen, werde ich mir zuflüstern: Beruhige dich, du befindest dich in der wohltätigen Dummheit des geläufigen Lebens."
 
einfach genial!
schreibt Reinhard XING

Ich finde es einfach herrlich Genazino`s ausgeschmückte Sätze zu lesen - der Abschnitt auf S41 gefällt mir besonders gut:
Ich lebe in diesen Minuten wie eine Cello-Sonate von Bach: Nirgendwo befestigt, vorüberschwebend, angeknittert, dunkel, im Kern unverständlich, obwohl jedem Menschen sofort einleuchtend.
Was für ein Vergleich !!!!!

Mir hat das Buch fast bis zum Ende wirklich gut gefallen; "gekippt" bin ich zusammen mit Gerhard Warlich bei der Einweisung in die psychiatrische Klinik. 
Das war für mich ein so unerwartetes Ereignis, dass ich die originellen Gedanken, die er die ganze Zeit über zum Sinn des Daseins von sich gegeben hatte, plötzlich nicht mehr ernst nehmen konnte. Ebenfalls befremdet hat mich Warlichs Wunsch, mit 41 Jahren in die Frühpension zu entkommen. Mit dieser Entwicklung habe ich einfach nicht gerechnet. Viel lieber wäre mir gewesen, Gerhard Warlich hätte seinen Traum von der "Akademie der Besänftigung" wahr gemacht und seine Leser mit einer großen Lebenserkenntnis überrascht. 
Dass es nicht so kam wie ich wollte, paßt wiederum zum Buch, und ich darf den Autor, der mit seinem eigenwilligen Stil bei mir voll gepunktet hat, mit einer dieser herrlichen Kompositionen zitieren:
Seite 10/11: (e-book)
"Ich höre jetzt nur noch das Wehklagen meiner ratlosen Seele. Sie möchte gern etwas erleben, was ihrer Zartheit entspricht, und nicht immerzu dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert sein. Ich beschwichtige meine Seele und schaue mich nach geeigneten Ersatzerlebnissen um. Aber die Wirklichkeit ist zu knauserig und weist das Begehren meiner Seele ab."