Carl Haffners Liebe zum Unentschieden

carl_hafners_0.jpgIm Winter des Jahres 1910 steht die Schachwelt kopf. Der in Wien und Berlin ausgetragene Kampf um die Weltmeisterschaft nimmt in der fünften Partie eine unvorhergesehe Wendung. Der als unschlagbar geltende Titelverteidiger Emanuel Lasker, berühmt auch als Gelehrter und Philosoph, ist durch einen Fehler, den sonst nur Anfänger machen, in Rückstand geraten. Ins Schlaglicht des Interesses rückt nun plötzlich der Herausforderer - Carl Haffner. Der bis dahin kaum beachtete Österreicher ist ein Defensivkünster, ein Meister des Remis. Jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit, Lasker die Krone zu entreißen. Die zehnte und letzte Partie muß die Entscheidung bringen ...

Meine Gedanken zum Buch: 

Die Eigentümlichkeiten menschlicher Gespanntheit  und Vorfreude werden hier toll ausgedrückt. Diese genaue Beschreibung erheitert sehr beim Lesen. Auch verlangsamt das und macht die Geschichte sehr angreifbar. Ich empfinde das wie eine Zeitlupe, zur näheren Erklärung der Geschichte. Weiters sind die verschiedenen zeitlichen Ebenen wie ein Fokus auf das Ziel und auf das Ende des Buches. Ganz toll aufgebaut. Wiederum eine Empfehlung.

Krawatten wurden zurechtgerückt, Schnauzbärte gezwirbelt und die sonstigen Nuancen des Lächelns zur Schau gestellt.

Nach drei Stunden Fahrt und etwas doppelt so vielen Flaschen Sekt waren die Hilfssekretäre unpäßlich. Horak und Wolf spielten eine Blindpartie. Mit stumpfer Miene raunten sie einander Züge zu. Alle paar Minuten stritten sie sich wegen eines angeblich unmöglichen Manövers.

Nach dem fünften Zug war es die eben entleerte Blase, die Carl hinaustrieb. Von da an peinigten ihn seine Ausscheidungsorgane nicht mehr. Nur die Kälte wich nicht. Carl rieb sich Hände und Arme, er stand auf und ging umher. Nichts half. Er trank ein Glas Rotwein, um seinen Kreislauf anzuregen.

Verlag: 
Volk & Welt
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
3353011110

Kommentare

Dieses Buch habe ich mit einer Faszination gelesen. Dieses Buch von Thomas gefiel mir am besten. Die folgenden Bücher: Herr Susi, Der Kameramörder, musste ich oft weglegen, weil sie mich schockierten. Ich habe wohl die nachfolgenden Bücher zu Hause, aber noch nicht gelesen. schreibt eine ältere Frau Paula

wie komponiert, wie Kreise, die scheinbar wirr aber doch in einem Zeitkonzept die Story umfassen. Mir gefällt, wenn sich verschiedne Zeitebenen zu einem Zeitpunkt im Buch treffen. Danke an Paulas Kommentar; das ist eines der besten Bücher von Glavinic.
schreibt Reinhard

Sehr tolles Buch. Man kann richtig die Zeit um 1910 nachempfinden und oft glaubte ich beim Lesen ich habe 1910 gerade "gerochen". Vom Schreibstil kann man fast glauben, der Autor hätte zu dieser Zeit gelebt,, grandios.

Genauso geht es mir auch. Auch ich habe das Gefühl, hier schreibt einer, der Anfang des vorigen Jahrhunderts gelebt hat. Die Beschreibungen sind meisterlich.
S. 60: "Die Schönheit einer vollendet komponierten Schachpartie zu empfinden ist freilich nur wenigen gegeben. Ein gewöhnlicher Spieler begreift meist gar nicht, wieso ein Meister einen anderen geschlagen hat. Wären die Fehler von Meistern Lebewesen, könnte man sie nur unter einem Mikroskop betrachten. Und für die Fehler der größten Meister reichte die Technik gar nicht mehr aus."
 
 

Ein Abschluss- und mein Lieblingszitat: S. 96:
 
"Aber sie wußte auch, daß man einen Menschen am erfolgreichsten verändert, wenn man ihn behandelt, als sei er schon so, wie man ihn haben will. Sie redete mit Carl, als sei seine Unsicherheit nicht vorhanden."
 
Ich würde ja gerne über das Ende der Geschichte schreiben, aber das würde zu viel verraten...

Glavinic hat einen so tollen Schreibstil und schon viele tolle Bücher verfasst...