Blut und rote Seide

Shanghai, im Morgengrauen. Auf einer Verkehrsinsel findet man die Leiche einer Frau, nur bekleidet mit einem roten traditionellen Seidenkleid. Wenig später entdeckt man eine zweite und bald darauf eine dritte Frauenleiche, alle im gleichen roten qipao. Die Morde sind ein Skandal, da Serienkiller bislang als Phänomen des Westens abgetan wurden. Eigentlich will Oberinspektor Chen seine Literaturstudien endlich mit einem akademischen Abschluss krönen. Doch er weiß als Einziger, wie man das psychologische Profil eines Serienkillers erstellt.

Meine Gedanken zum Buch: 

Der fünfte Teil der Oberinspektor- Chen-Reihe führt uns u.a. zurück in die Zeit der Kulturrevolution. Gleichzeitig bietet uns der Autor einen Einblick in die traditionelle chinesische Liebesgeschichte, indem er seine Hauptfigur eine Diplomarbeit zu diesem Thema schreiben lässt. Mit ihrer Hilfe erkennt Chen auch die Zusammenhänge in einer Reihe furchtbarer Serienmorde, deren Opfer mit einem zerrissenen Qipao bekleidet sind. Mit viel Einfühlungsvermögen und Poesie beschreibt Xiaolong die Gräueltaten der Arbeiterarmeen in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts, und wie unterschiedliche Personen sie wahrgenommen und verarbeitet haben. Oder eben auch nicht. Wirklich interessant, aber auch erschreckend, sind die Exkurse in die besonders feine chinesische Küche, in der Haifischflossensuppe noch als das geringste Übel (!) erscheint. Ebenfalls aufschlussreich finde ich die Beschreibungen der sich ständig verändernden Stadt Shanghai in den 90ern, mitten auf dem Weg zu einem in China akzeptierten Kapitalismus, der immer weniger mit den Prinzipien Maos in Einklang zu bringen ist. Alles in allem eine stimmige Fortsetzung der Serie, die man unbedingt lesen sollte, wenn man Interesse für chinesische Literatur, Geschichte und Lebensart hat. Und wenn man weiter mitverfolgen möchte, in welche Richtung sich der sensible Oberinspektor entwickeln wird.

Die sogenannten Dreispartengirls - junge Frauen, die Kunden zum Essen, Singen und Tanzen begleiteten - waren ein neuer Erwerbszweig und eine Neuschöpfung in der chinesischen Sprache. Das Geschäft mit sexuellen Dienstleistungen war nach wie vor verboten, blühte aber dennoch in vielfältiger Weise wie etwa beim Extraservice des Dreispartengirls. das Gesetz konnte jungen Frauen schließlich nicht verbieten, mit Kunden zum Essen, Karaoke-Singen und Tanzen zu gehen, und vor dem, was danach geschah, verschlossen die Behörden wohlweislich die Augen. Die Mädchen hatten mit den beruflichen Risiken zu rechnen, bis hin zum Sexualmord.

Seitenangabe für Zitat1: 
87

Ein junges Paar kam vorbei. Nachdem sich die beiden vergeblich nach einem Sitzplatz umgesehen hatten, ließen sie sich auf der Bank neben den Polizisten nieder. Es gab mittlerweile zwar immer mehr Orte, wo junge Leute sich aufhalten konnten, aber der Bund stand nach wie vor an der Spitze der Beliebtheit. Auf dem Fluß zogen farbenfrohe Schiffe vor den eindrucksvollen neokolonialen Fassaden der Uferpromenade vorbei. Und die Sitzplätze vor diesem immerwährenden Schauspiel waren kostenlos. Kein Wunder, daß jeder verfügbare Platz am Bund von Liebespaaren besetzt war.

Seitenangabe für Zitat2: 
147

Mit einer raschen Bewegung holte sie das Tier aus dem Käfig, knallte es wie eine Peitsche auf den Boden und schlitzte ihm dann mit einem scharfen Messer den Bauch auf. Mit einem Ruck riß sie die Gallenblase heraus, die sie in ein Glas mit Schnaps gleiten ließ. Sie mußte das irgendwo gelernt haben.
Dennoch waren ihre nackten Arme und Beine anschließend mit Schlangenblut bespritzt; die Spritzer auf ihrer weißen, fächerförmigen Schürze hätte man für gefallene Pfirsichblüten halten können.
"Das hier gebührt dem Ehrengast", sagte sie und reichte Jia das Schnapsglas mit der grünlichen Gallenblase.

Seitenangabe für Zitat3: 
335
Verlag: 
Deutscher Taschenbuch Verlag
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423212748