Blindfisch

Jim Knipfel ist der blinde Seher im modernen Gewand. Konfrontiert mit der unausweichlichen Wahrheit einer unheilbaren Krankheit, die ihm langsam das Augenlicht raubt, sieht er überall die Lüge. Die Lüge der einem blinden Gesundheitswahn verfallenen Gesellschaft, die der überforderten Eltern und Freunde, die der eloquenten, aber teilnahmslosen Therapeuten. Anstatt still zu leiden, reagiert Knipfel auf seine Weise. Er lacht über alles, schmeißt Ehe und Studium, zieht vom kleinbürgerlichen Wisconsin in einen Großstadtslum, treibt sich mit "Versagern" herum, stiehlt, säuft, schluckt Tabletten - ein junger Mann aus gutem Hause, auf der Überholspur ins Vergessen. Irgendwann entdeckt er das Schreiben. Das Papier erträgt seine Wahrheiten; endlich kann er sie teilen. Mit schwarzem Humor, der von tiefster Sensibilität und Verletzlichkeit zeugt, aber keine Tabus respektiert, beschreibt er sein Leben, seine Angst, seine Hoffnung. "Blindfisch" ist das Gegenteil einer therapeutischen Krankengeschichte - es ist ein grotesker Aufschrei dessen, der hinter dem Schein, den er immer weniger zu sehen vermag, das whare Sein erkennt.

Meine Gedanken zum Buch: 

Normalerweise interessieren mich Bücher, die die Beschreibung eines (gegenwärtigen) "amerikanischen Lebens" zum Thema haben nicht so sehr. Erst recht nicht, wenn die Sprache etwas in die vulgäre Richtung abzudriften scheint. Das war bei Jim Knipfel allerdings anders. Der Ich-Erzähler dieses Buches leidet an einer unheilbaren Augenkrankheit namens "Retinitis pigmentosa", die ihn langsam erblinden lässt. Sicherlich geht jeder Mensch anders mit Schicksalschlägen um, die einen lassen sich fallen, die anderen sagen sich jetzt erst recht. Jim Knipfel nimmt's jedenfalls mit (Galgen)Humor. Er ist Realist und weiß mit seiner Situation umzugehen. Er beobachtet die Menschen, analysiert Situationen und deckt den Schein vor dem Sein auf. Jim Knipfel erblindet lagsam, beginnt aber immer deutlicher zu sehen.

"Selbstmord-Hotline?", schien mich die muntere junge Frau am anderen Ende der Leitung zu fragen, als sie meinen Anruf entgegennahm. [...] "Hallo?", meldete sich die Stimme am anderen Ende wieder. "Ist da jemand?" Der ganze Nietzsche, in den ich mich mal vertieft hatte, löste sich in Wohlgefallen auf. "Hallo?", fragte sie erneut. "Ich höre Sie aaatmen!" "Seien Sie still", blaffte ich. Ich war versucht zu sagen: "Das war's. Sie haben's versaut", und aufzulegen, aber so grausam war ich nicht, noch nicht.

Seitenangabe für Zitat1: 
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Ich hatte immer gesagt, und nur halb im Scherz, ich sei mit dem Körper eines Säuglings und dem Geist eines Hundertjährigen geboren. Bei mir stecke die Seele eines alten Mannes im alternden Körper eines jungen. Doch während mein Körper alterte, wurde mein Geist jünger. Bei mir lief die Zeit rückwärts. Das hatte ich auch schon bei anderen beobachtet.

Seitenangabe für Zitat2: 
180
Verlag: 
Rowohlt Verlag GmbH
Auflage: 
Zweite Auflage Januar 2002
ISBN: 
3-498-03503-7