Bewohnte Frau

In einem fiktiven Staat in Lateinamerika verliebt sich die selbstbewusste Lavinia in den Revolutionär Felipe. Zugleich wird die Geschichte zweier Indios erzählt, die im Kampf gegen die Conquistadores ihr Leben lassen mussten. Ihre Kraft wird im Saft eines Organgenbaums bis in die Gegenwart weitergegeben.

Meine Gedanken zum Buch: 

Ich liebe dieses Buch für seine kraftvolle Sprache, die Bildhaftigkeit, die viele lateinamerikanische SchriftstellerInnen so wunderbar beherrschen. Gioconda Belli hat selbst im Widerstand gekämpft, in vielen Bereichen - auch der Liebesgeschichte - ist das Buch fast autobiographisch. Ich hatte das Glück, sie kennenzulernen, und selten habe ich so eine charismatische, kraftvolle und lebensfrohe Frau gesehen, die ihr Geschick mit soviel Mut und Optimismus trägt, die nie aufgehört hat, sich für ihre Ideale einzusetzen. Was mir so gut gefallen hat an dem Buch war die Parallelität der beiden Geschichten, deren Fäden sich letztendlich im Orangenbaum treffen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich den Schluss in der Straßenbahn gelesen habe, und mich alle ganz verdutzt gemustert haben, weil ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Ich glaube sowieso nicht, dass es Männer- und Frauenbücher gibt, aber in diesem Fall verwehre ich mich ganz besonders gegen diese Kategorisierung, weil die Geschichte universell gültig ist, für alle, die für ihre Ideale einstehen und daran glauben, etwas bewirken zu können.

Bei Sonnenaufgang kam ich wieder ans Licht. Merkwürdig ist alles, was dort in der Tiefe seit jenem Tag geschehen ist, als ich Yarince zum letzten Mal sah. In der Totenfeier sagten die Alten, daß ich nach Tlalocan reisen werde, den Gärten ewigen Frühlings im Osten, dem Land des Grüns und der Blumen, die sanfter Regen streichelt. Doch dann lag ich jahrhundertelang allein in einer Höhle aus Erde und Wurzelwerk und sah staunend meinem Körper zu, der langsam zu pflanzlicher Natur wurde. Hunderte von Jahren, in denen ich die Erinnerung an Kürbisrasseln wachhielt, an Pferdegetrappel, Aufruhr, Lanzen, an die Angst, zu verlieren und an Yarince und seinen sehnigen Rücken. Seit Tagen schon hörte ich den Regen, wie er sich erst in kleinen Rinnsalen, dann in großen unterirdischen Strömen meiner jahrhundertealten Wohnung näherte, sich Gänge öffnete,mich durch die feuchte, durchlässige Erde anzog. Ich spürte, daß ich der Welt immer näher kam, an den sich verändernden Farben der Erde erkannte ich es.

Verlag: 
Dtv
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3423210119

Kommentare

Jetzt hab auch ich deine Buchpatenschaft gefunden, die stand ja schon auf Seite 2 - das hab ich glatt übersehen. Hab mich ja e schon drüber gewundert, dass ich sie nicht gefunden hab. Fast unvorstellbar, dass du es vergessen haben könntest..... Smile
 
Hier jetzt mein Kommentar:
Das erste Buch, das ich von Gioconda Belli gelesen habe und ich muss sagen, ich bin beeindruckt.
Belli hat hier eine wunderbare Geschichte über Liebe und Mut geschrieben. Man erfährt viel über die Lebensumstände in diesem Land, über politische Unterdrückung, den Willen dagegen anzukämpfen und vorallem auch über die Rolle der Frau in diesem System.
Lavinia ist jung, hübsch, beruflich hat sie als Architektin viel erreicht (mehr als es für eine Frau in dieser Branche und in diesem Land  üblich wäre) und trotzdem ist da noch mehr... Als sie Felipe kennen lernt, nimmt ihr Leben eine dramatische Wende. Sie kommt mit einer Welt in Berührung die ihr bis dato noch völlig fremd war, findet einen neuen Sinn, eine neue Aufgabe ohne zu ahnen, was das für ihr weiteres Leben bedeutet....
Parallel zu Lavinias Geschichte wird auch noch eine Zweite erzählt, und zwar die einer jungen Indianerin. Bald wird klar das diese beiden Frauen vieles verbindet und auch der Titel des Buches "Bewohnte Frau" nimmt dadurch klarereFormen an.
 
Belli schreibt kraftvoll und mitreißend... ein Thema mit viel Potential und ein recht interessanter Aufbau machen diesen Roman zu einem flüssigen Lesevergnügen!

Es freut mich, Claudia, dass Dir mein Lieblingsbuch so gut gefallen hat! Ich habe es ja schon mehrmals gelesen und bin immer wieder beeindruckt und berührt, kann mich immer wieder an der schönen Sprache erfreuen. Belli ist eine der wenigen Autorinnen, deren Lyrik ich auch lese, denn eigentlich bin ich kein großer Fan von Gedichten.

Ich muss gestehen, Gedichte standen bis jetzt auch nicht grad häufig auf meiner Leseliste. Aber es wäre auf jeden Fall mal einen Versuch wert.
Bei Gedichten hat man ja auch ein ganz anderes Leseverhalten. Das ist ja nicht wie bei einem Roman, den man zu lesen beginnt und bis zum Ende in "einem Zug" durchliest. Ich finde ja Gedichte verlangen nach einer bestimmten Stimmung... man liest, lässt sie auf sich wirken.... träumt vielleicht ein bisschen dahin.....
Mit "Bewohnte Frau" hast mir wieder mal einen spitzen Tipp gegeben. Vorallem der Aufbau hat mir so gut gefallen. Die parallel erzählte Geschichte der Indianerin und des Orangenbaumes.... ihre Erinnerungen.... ihre Empfindungen... hat dem ganzen noch zusätzlich einen ganz besonderen Reiz/Aspekt gegeben.
Genau das, hat darauß auch eine besondere und nicht "alltägliche" Geschichte gemacht.
Auch inhaltlich hat das Buch einiges zu bieten. Man kommt mit Blickpunkten in Berührung, mit denen man im Normalfall ja sonst nie was zu tun hat. Es ist für uns eine ganz fremde Welt, in die man als Leser dann doch einen kurzen Blick werfen darf. Flüssig und vorallem auch sehr intressant ...