Am Abgrund ist die Aussicht schöner!

Am Abgrund ist die Aussicht schöner: Kurzgeschichten am Rande des Abgrunds und darüber hinaus - erzählt in atemlos, knapper Diktion - sind das Thema der Erzählungen von Heike Wulf. Einfühlsam, mit großer Kunstfertigkeit und sensibler Beobachtungsgabe zeichnet sie Menschen in Grenzsituationen, manchmal mit Humor und einem Augenzwinkern, häufig aber auch mit tödlicher Konsequenz. Die Autorin beschäftigt sich mit dem, was im Verborgenen liegt? Was sie umtreibt ist die Frage, was geht in den Opfern, was in den Tätern vor. Dabei spricht sie deutlich und mit krassen Worten aus, was für viele tabu ist. Jeder Blick über den Abgrund eröffnet neue Wege. Noch weit entfernt vielleicht, aber sie sind da. Wage ich einen großen Schritt? Finde ich einen neuen Weg? Bleibe ich stehen? Oder stürze ich in die Tiefe?

Meine Gedanken zum Buch: 

Meistens ist es der letzte Satz, der einem endgültig den Boden unter den Füßen wegreißt: Opfer werden zu Tätern, Freunde zu Feinden, Mütter zu Mördern. In den minimalistisch erzählten Kurzgeschichten von Heike Wulf zerbrechen Beziehungen in totsicherer Regelmäßigkeit. "Am Abgrund ist die Aussicht schöner" heißt das Buch, dessen Innenleben dramatische Einblicke in die Untiefen der Seele gewährt. Die Dortmunder Autorin schaut nicht nur hinter den nächsten Gartenzaun, sie schaut Menschen ins Gemüt, blickt dunkle Kellertreppen hinab, taucht stets für einen kurzen Moment in extreme Leben ein. Heike Wulf führt ihre Leser an den Rand des Abgrunds - und darüber hinaus.

Alles passend! Zufrieden sah sie sich um: alles passte wunderbar zusammen und fügte sich gut ein in ihr kleines weißes Zimmer. Die rote Plastikvase mit der orangen Gerbera von Ikea war ein schöner Farbklecks in dem hellen Raum. Sie sah in den verblassten Spiegel: ‚Kämmen würde jetzt Wunder wirken, ‘ dachte sie. Früher, ja da hatte sie richtig gut ausgesehen. Aber das war schon lange her. Viel zu lange. ‚Alles ist OK, alles nicht so schlimm. Du hast das mitgemacht, was bereits vielen Frauen vor dir passiert ist, was vielen Frauen gerade passiert und was vielen noch passieren wird, ohne dass sie es wissen oder nur ahnen‘, versuchte sie sich zu beruhigen. Nein, jede ahnte etwas. Bei den wenigsten passiert es einfach nur so. Jedes Ende hat seine Geschichte. Kleinigkeiten, die sich anhäuften zu großen Türmen, die man nicht mehr herunter kam, weil ihnen die Treppen fehlten. Als Kind fragt man sich nicht, wie Rapunzel in den Turm gekommen war, aus dem sie nun partout nicht wieder hinaus konnte. Als Erwachsene schon. War man drin gefangen, half nur eins: Augen zu und ab hinunter. Wenn man Glück hatte, stand da unten ein neuer Prinz und man landete weich. Wenn man weniger Glück hatte, gab es einen schweren Aufprall mit Verletzungen, die kein Arzt so schnell heilen konnte. Es kam auch vor, dass man gar nicht ankam und aus der Wirklichkeit verschwand. Sie war schwer gefallen, kein Prinz hatte sie aufgefangen, niemand den Sturz gedämpft. Sie drehte wieder an ihrer Ikeavase. Er hatte den Einkauf bei Ikea immer gehasst: So groß, so viele Leute, diese langen Gänge, die schlechte Luft. „Du kaufst da immer so viele Dinge, die du gar nicht brauchst“, hatte er immer geschimpft. Dabei brauchte sie es jedes Mal, unbedingt! Genau in dem Moment, in dem sie es sah. Diese tolle Farben – diese Harmonie: Tisch passend zum Teppich - Gardinen zum Sofa – Besteck passend zum Geschirr. Tischdecke passend zu den Haaren. Er hatte kein Verständnis dafür gehabt. Und sie kein Verständnis dafür, dass er es nicht hatte. Ständig meckerte er: „Alles steht hier voll. Nur so ein unnützer Scheißkram.“ Sie ging nur noch alleine zu Ikea, genoss das himmlische Gefühl in jeder Abteilung herum zu stöbern, so lange sie wollte und nahm ihn nur noch mit, wenn es etwas Schweres zu tragen gab. Sie dachte an ihren letzten Einkauf und lächelte. Begeistert hatte sie ihm die vier orangefarbenen Tischsets gezeigt. Auf der rechten Seite befand sich eine kleine Tasche je für Messer und Gabel. „Sieh doch Karl-Georg, wie praktisch die sind. Und sie passen so gut zu den Gardinen in der Küche. Die anderen waren doch schon alt und haben dir sowieso nie gefallen.“ „Die anderen…“, er hatte dabei tief Luft geholt „…die anderen waren kein Jahr alt. Und diese gefallen mir genauso wenig. Sie sind hässlich, hässlich, hässlich. So wie du!“ Ehe Nicole reagieren konnte, hatte er ihr die Sets aus der Hand gerissen, war zum Balkon gerannt und hatte sie in hohem Bogen hinaus in den Garten geworfen. Nicole hatte ihm hinterher gesehen, unfähig etwas zu sagen. Sie folgte ihm und sah noch, wie der Hund der Nachbarin bereits auf den orangefarbenen Tischsets herum trampelte. Draußen war es matschig und die leuchtende orangene Farbe verschwand zusehends. Doch Nicoles Gesicht hatte wieder Farbe angenommen. Sie hatte die Parabel direkt vor Augen: Die Tischsets, auf denen herum getrampelt wurde. Genau wie auf ihr. Das war sie, die da lag. Und Karl-Georg trampelte auf ihr herum. Er ignorierte sie und das, was sie wollte. Schritte zurück gegangen, hatte Anlauf genommen und war mit Schwung zurück gerannt. Er hatte sie amüsiert angelächtet, aber nicht lange. Im Fallen stieß er einen langen schrillen Schrei aus. Sie sah vom Balkon aus hinunter und dachte: ‚Gut sieht er aus zwischen den orangenen Tischsets. Das blassgelbe Hemd passt farblich einwandfrei.‘ Sie drehte wieder an der Vase, stand auf und schaute zur verschlossenen Tür. Nur noch drei Jahre im Knast, dann konnte sie endlich ihre neue Wohnung komplett mit Billy und Co. einrichten! Welch ein unbeschreibliches Glück …  

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Game over
Ob er wohl wach wird? Mist, was mach ich nur, wenn er wach
wird. Hätte ich doch nur nicht die Rundschau gelesen.
Hier in der Notaufnahme liegt sie auch. Irgendjemand hat sie
wohl vergessen. Sie liegt da und ich kann gar nicht weg sehen.
Am besten ich schmeiße sie in den Müll. Nicht dass einer vom
Personal sie noch sieht und auf komische Gedanken kommt.
Ich muss es aber noch mal sehen. Ach, hätte ich das vorher
gewusst, ich hätte sie nicht aufgeschlagen. Aber, das ist ja unlogisch.
Ich denke nur noch unlogisch. Das muss an den Beruhigungstabletten
liegen, die ich genommen habe.
Die Ärztin war ja `ne ganz Nette.
„Das wird schon´.“, hat sie zu mir gesagt. Wenn die wüsste.
Wie sollte alles werden, jetzt nachdem …
Da vorne der Mann ist total nervös. Vielleicht hat er aber nur
Angst, so wie ich.
Ob man es mir anmerkt. Ach, was sollen die merken. Nur meine
Angst, aber den Grund, den kennen sie ja nicht. Mein Verhalten
ist völlig normal.
Simon hat sich auch ganz normal verhalten. Als wenn nichts
gewesen wäre. Er kam spät nach Hause, aber das passiert schon
mal an so einem Tag: Der BVB hat zu Hause gegen Schalke
4:1 gewonnen. Ein glatter Sieg, fast eine Demontage. Barrios
hat zwei Tore geschossen, eins Lewandowski und eins Kagawa.
Ich hab es im Radio gehört und bereits gewusst, dass es später
werden wird. Er hat dann auch gegen sechs angerufen und
Bescheid gesagt. Als er dann gegen 23 Uhr kam, war er ziemlich
betrunken und erzählte, wie schön es gewesen wäre. Wenn
ich doch hätte mitkommen können und bald würden wir alle
zusammen, ich und unser Baby und er ins Stadion gehen, sobald
das Kleine alt genug wäre. „Und dann meld ich ihn beim
BVB an, als Mitglied und später bei der Eintracht. Er geht auf
jeden Fall Fußballspielen. Das ist klar, Corinna. Und der erste
Strampler wird schwarz/gelb. Ach, ich kauf gleich zwei davon
oder drei.“ Völlig euphorisch war er. Und dann hat mich ganz
lieb angesehen, ist in die Knie gegangen und hat unserem Kind
etwas zugeflüstert, dass ich nicht verstand.
Ich fragte noch nach dem Spiel und er stellte einige Szenen
direkt im Wohnzimmer nach. „Also der Weidenfeller, ein Paradebeispiel
für einen Torwart, das wird unser neuer Nationaltorwart,
der Neuer ist weg, nach diesem Spiel. Da bin ich sicher.
Also da kommt der Huntelaar, umspielt Hummels, der war
heute nicht ganz so gut drauf, als nächstes spielt er Subotic aus
und wir dachten schon alle: Jetzt ist er drin! Jetzt ist er drin und
dannSchuss! Dabei flog unser Kissen in das Bücherregal und
ich lachte laut. Simon ließ sich nicht irritieren.
“Und Weidenfeller, super sag ich dir, einfach nur super. Hält.
Ohne nachzudenken, pure Reaktion, zack, hat er den Ball. Ein
Aufatmen auf der Südtribüne. Das musst du doch hier noch
gehört, Schatz. Und dann die Tore von Barrios, zweimal hat
Lewandowski vorgelegt, ein Tor hat er selbst geschossen. Er ist
der Held des Tages. Gut dass der Kloppo ihn wieder rein genommen
hat, das hat er sich auch verdient. Ach Schatz, das war
ein super Spiel. Wird Zeit, dass du wieder mitkannst.“
Ich stimmte ihm zu und sagte ihm, wie ich die Südtribüne vermissen
würde und die Leute, die ich nur da treffe und dass wir
den Kleinen, sobald er soweit ist, zur Oma bringen, damit ich
mal wieder mit kommen kann.
Anschließend saßen wir noch gemütlich auf dem Sofa.
Er hat mich mit einer Decke zugedeckt und wir haben ein bisschen
gekuschelt. Richtig schön war es. Er hat meinen Bauch gestreichelt
und mir gesagt, wie sehr er mich liebt und wie glücklich
er ist.
Das war vorgestern.
Heute ist Montag.
Heute ist alles anders.
Heute Morgen bin ich zum Frisör gegangen und dort lag sie,
die Rundschau. Ich habe sie aufgeschlagen. Ganz normal, wie
immer und dann auf der zweiten Seite hab ich es gesehen: Das
Photo. Der Rombergpark, die Allee, Sonne und in der Mitte:
Simon und seine Arbeitskollegin Louise, verliebt aneinander
geschmiegt. Sie küssen sich gerade. Darunter stand: „Die erste
Frühlingssonne lockte am Samstagnachmittag in die Dortmunder
Grünanlagen. Nicht nur in der prächtigen Lindenallee
genossen Liebespaare …“
Stopp! Halt! Falsch! Die sind kein Liebespaar, das Liebespaar
heißt Corinna und Simon, das sind wir: Simon und ich, verheiratet
seit zwei Jahren, ich im achten 8 Monat, kennen gelernt
vor drei Jahren. Wir sofort verliebt. Die große Liebe, für immer,
heiraten und ich bin sein ein und alles und er liebt mich,
ich liebe ihn, wir bekommen noch mindestens zwei Kinder, wir
wissen schon, wie sie heißen, auf welche Schule sie gehen werden.
Unsere gemeinsame Zukunft ist unabänderlich geplant.
Ich habe die Zeitung sorgfältig zusammen gefaltet und bin
dann gegangen. Als er dann von der Arbeit nach Hause kam,
bin ich erst mal ganz ruhig geblieben. Nur unser Baby hat wohl
gemerkt, dass etwas nicht stimmte und hat kräftig gegen meinen
Bauch geboxt. Ich hatte mir vorgenommen, ganz ruhig zu
bleiben, alles durchzudiskutieren, alles logisch zu betrachten.
Vielleicht ist ja nichts gewesen, vielleicht haben sie das Photo
nur für den Photographen gemacht. Aber warum war er dann
überhaupt im Rombergpark und nicht im Stadion?
Vielleicht war es vor dem Spiel gewesen? Ich wollte ihn das
alles fragen. Warum ich dann, als er sich wegdrehte, die Mamorskulptur
auf seinen Schädel krachen ließ, ich weiß es nicht.
Ich weiß es einfach nicht. Er ist umgefallen und hat mich ganz
ungläubig angeschaut. Ich habe noch gewartet. Ich weiß nicht
warum. Irgendwann aber, dachte ich, ich muss Hilfe holen,
sonst fällt es auf. Simon hatte die Augen geschlossen.
Vielleicht wollte er mich nicht mehr sehen.
Die Skulptur befreite ich vorsichtshalber von meinen Fingerabdrücken.
Dem Notarzt sagte ich, die Skulptur hätte auf dem Regal gestanden
und Simon hätte etwas unten aus dem Regal ziehen
wollen und das hätte gehakt und er hätte weiter fest gezogen
und das Regal hätte gewackelt und mit ihm die Figur und dann
wäre sie plötzlich runter gefallen und direkt auf seinen Kopf
geknallt. Ich hätte in der Tür gestanden und noch „Vorsicht“
gerufen, aber alles wäre so schnell gegangen und …
dann hab ich geheult …
Ich war sehr glaubwürdig, ich bin eine schwangere Frau.
Ob er wieder wach wird? Dann komme ich ins Gefängnis. Das
Kind kommt bestimmt ins Heim oder noch schlimmer zu ihm
und Louise, dieser alten Schlampe. Er darf nicht wach werden.
Und was, wenn doch?
Ob ich ihm unauffällig ein Kissen aufs Gesicht drücken kann?
Sie müssen mich zu ihm lassen. Ich bin seine Frau.
Bitte, bitte stirb Simon.

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Gestohlene Stunden
Wir haben nie darüber gesprochen. Nicht ein einziges Mal.
Eigentlich würde jeder meinen: Da war auch nichts, worüber
man sprechen müsste. Denn es gab nichts, woran man es hätte
festmachen können.
Wir sehen uns selten, und wenn, sprechen wir kaum miteinander.
Doch wir nehmen uns wahr.
Wir berühren uns nicht. Auch nicht zufällig. Nur zur Begrüßung
geben wir uns flüchtig die Hand.
Und auch danach, nach dieser Nacht, dieser krampfhafte Versuch,
sich nicht zu berühren, nur nicht nebeneinanderzusitzen.
Aber es beruhigt mich auf eine subtile Art, wenn du da bist.
Es wirft mich nicht aus dem Gleichgewicht, macht mich auch
nicht nervös. Aber es freut mich ein bisschen, ja!
Wenn du nicht da bist, kann ich es nicht ändern. Ich warte
nicht sehnsüchtig auf dich. Würde ich das machen, dann
wüsste ich, dass ich was tun, irgendwas verändern muss.
Aber so läuft alles, wie es laufen soll. Ich bin glücklich mit
Sascha und alles ist ganz einfach.
Wirklich einfach? Oder nur in meiner Phantasie, oder in Filmen,
die ich sehe, und Büchern, die ich lese? Oder in dem Leben
anderer Menschen, die ich deswegen beneide? Dabei weiß
ich wahrscheinlich nur nicht, was wirklich los ist. Vielleicht
spielen sie alle genauso ein Spiel wie ich.
Seit diesem Abend.
Ich hatte zwei Karten gewonnen: Presseball in der Spielbank,
pro Stück 200 Euro. Dementsprechend das Publikum. Ich
nahm meine Freundin Manu mit. Meine Freundin, die kreuzunglücklich
in ihrer verkorksten Ehe ist. Natürlich sagt sie immer,
alles super, alles O. K., das wird schon, und, ach ja, das
Problem mit dem Alkohol, das bekommt er auch noch in den
Griff, und überhaupt, und ich lieb ihn doch, und die Kinder
und … Und alles in allem ist sie nur frustriert und desillusioniert.
Deshalb freute sie sich besonders, mal wieder rauszukommen.
Wir hatten einen Mordspaß, amüsierten uns über die
lokale High Society, vorwiegend dickbäuchige Geschäftsleute
mit Rolex Uhren und Ehefrauen in viel zu engen Designerkleidern.
Das Programm war gut, das Essen fantastisch, beim Spiel
verloren wir 20 Euro und gewannen 50, aber danach brauchten
wir unbedingt gute Musik und normale Menschen.
Wir gingen in die Disko. Während ich zu jedem Lied tanzte,
flirtete Manu an der Theke mit einem Mann nach dem anderen.
Sie sieht gut aus und macht anscheinend die passenden
Bemerkungen, hat das richtige Augenzwinkern, ich weiß es
nicht. Ich hab nie verstanden, was mich von anderen Frauen
unterscheidet. Ich sehe auch sehr gut aus, Männer schauen mir
hinterher, aber ich schaffe es wohl immer, diese Barriere um
mich herum aufzubauen, die vermittelt: Schau, aber lass mich
in Ruhe.
Ich kam von der Tanzfläche und entdeckte dich. Du warst mit
einem Freund da, ohne deine Frau. Zum ersten Mal sahen wir
uns ohne sie. Ich hatte einen ordentlichen Schwips und nahm
dich wahrscheinlich deshalb in den Arm, drückte dich. Ich hatte
keine Lust mehr zu tanzen, wir standen nebeneinander und
redeten, wie wir es nie zuvor getan hatten. Manu unterhielt
sich mit deinem Freund. Es dauerte nicht lange und sie sprachen
nicht mehr. Standen nun ganz eng beieinander, küssten
sich.
Die Disko machte zu – es war sieben Uhr morgens. Keiner
wollte nach Hause. Wir gingen in die nächste Kneipe, setzten
uns in eine Ecke. Ich wurde müde, aber Manu beschwor mich
zu bleiben. Sie sollte in dieser Nacht bei mir schlafen, niemand
fragte, wann sie nach Hause kam, sie hatte seit langer Zeit mal
wieder einen freien Tag, und ich, ich bekam langsam Angst,
weil ich deine Nähe spürte, weil ich dir nah sein wollte, und
dann sagtest du plötzlich: „Komm, lehn dich doch an mich
und schlaf ein wenig.“ Und ich lehnte mich an und roch dich,
spürte dich und fühlte mich angekommen.
Ich war außerhalb jeder Zeit, außerhalb meiner Welt. Wir
küssten uns nicht, hielten uns nur bei der Hand, als wäre es
das Selbstverständlichste auf der Welt. Genossen die Nähe des
anderen.
Irgendwann stupste Manu mich an: „Du, es ist schon zehn
Uhr, lass uns jetzt langsam gehen.“
Du zogst mich ganz fest an dich, gabst mir einen Kuss auf mein
Haar und ließt mich langsam wieder los.
Dein Blick - traurig und trotzdem voller Freude über die Stunden,
die wir uns gestohlen hatten.
Wir haben nie darüber gesprochen.
Es gibt nichts zu reden.
Du bist der Mann meiner Schwester.

Seitenangabe für Zitat3: 
35
Verlag: 
Universitätsverlag Brockmeyer
Auflage: 
Erstauflage
ISBN: 
978-3-8196-0783-7