Adressat unbekannt

„Adressat unbekannt", erstmals 1938 im New Yorker "Story Magazine" veröffentlicht, ist ein literarisches Meisterwerk von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden, zeichnet dieser kurze Roman in bewegender Schlichtheit die dramatische Entwicklung einer Freundschaft.

Meine Gedanken zum Buch: 

Dieser Briefwechsel beschreibt kurz und bündig, wie einer der beiden Freunde zum begeisterten Nazi mutiert und zum Tod der Schwester des anderen beiträgt. Gleichzeitig wirft er ihm vor "Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen." Doch Max schlägt zurück. Raffiniert und gnadenlos. Die ganze Geschichte eines Volkes auf nicht einmal 40 Seiten, ohne Sentimentalität, ohne Klisches, berührend und erschütternd.   Elke Heidenreich schreibt dazu in ihrem Vorwort: "Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich diese Taschenbuchausgabe in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe. Ich träume von einer morgendlichen vollen U-Bahn, in der Hunderte von Menschen Kressmann Tylor lesen, aufsehen und sich mit Blicken gegenseitig versichern: nie wieder."

12. November 1932 Mein lieber Martin, nun bist Du also wieder in Deutschland. Wie sehr ich Dich beneide! Obwohl ich dieses Land seit meinen Studienzeiten nicht mehr gesehen habe, wirkt der Zauber von Unter den Linden noch immer auf mich - die geistige Freiheit, die Diskussionen, die Musik und die freundschaftliche Wärme. Inzwischen ist ja auch Schluß mit dem Junkergehabe, mit der preußischen Arroganz und dem Militarismus. Du findest ein demokratisches Deutschland vor, ein Land mit einer tiefverwurzelten Kultur, in dem der Geist einer wunderbaren politischen Freiheit aufzublühen beginnt. Wie gut es sein muß, dort zu leben.

Seitenangabe für Zitat1: 
15

9. Juli 1933
Lieber Max,
...
Aber nein. Während ich dies schreibe und spüre, wie mein Enthusiasmus für die neuen Visionen entflammt, weiß ich zugleich, daß Du nicht verstehen wirst, wie notwendig all das für Deutschland ist. Du wirst nichts anderes sehen, als daß Dein Vok in Bedrängnis ist. Du wirst auch nicht einsehen, daß einige wenige leiden müssen, damit Millionen gerettet werden. Du bist in erster Linie Jude und wirst um Dein Vok jammern. Das verstehe ich. Das liegt in der Natur des semitischen Charakters. Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen. Deshalb gibt es Pogrome.

Seitenangabe für Zitat2: 
33
Verlag: 
Rowohlt Tb.
Auflage: 
1. Auflage
ISBN: 
ISBN-13: 978-3499230936

Kommentare

Bin gespannt, was Du dazu sagst...
 
Und die Geschichte darf sich in den seltensten Fällen wiederholen, meinst Du nicht??? Ich denke an die vielen Kriege, die Hungersnöte und Epidemien, den Völkermord in Afrika, die Tyranneien, die Zerstörung der Regenwälder, die Verschmutzung der Gewässer, das Leerfischen der Meere ... man kann das endlos fortsetzen. Und das Traurige ist, dass sich die Geschichte genau jetzt in diesem Moment trotzdem wiederholt, weil die Menschen nichts daraus gelernt haben. Klingt nicht gerade optimistisch, aber im Grunde gibt einem die Menschheit als solches keinen Grund zum Optimismus...

Ich hätte mir das Vorwort von Elke Heidenreich als Nachwort gewünscht, das sie doch vom Buch fast alles vorwegnimmt. Was ich sonst nicht mache: Ich hatte vor dem Lesen des Büchleins einige Rezis dazu gelesen und mich gefragt, wie diese Geschichte wohl in die paar Seiten passt. Eine Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.
Das Buch erschien 1938 unter dem Pseudonym Kressmann Taylor, da ihr Verleger meinte, ein politischer Text einer Frau würde nicht ernst genommen.
Lesende Grüße von Dido

Lesende Grüße von Dido